Die markanten Räume der Pietät Jochem

Abschied in würdevoller Atmosphäre

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Der Vergleich ist zwar mutig. Aber die Pietät von Frank Jochem ginge glatt auch als stylisch-exklusive Bar durch.

Jügesheim - Gewöhnlich stellen Fachzeitschriften für Architektur besonders auffällig gestaltete Hotels, stylische Privathäuser oder verblüffend anders gebaute öffentliche Gebäude vor. Von Bernhard Pelka 

Derzeit schenkt die Fachpresse allerdings einem Bestattungsunternehmen ihre Aufmerksamkeit: dem im Sommer 2013 eröffneten Institut von Frank Jochem. Wer Abschied nehmen muss von einem geliebten Menschen, ist in einer Ausnahmesituation. Der Bestatter Frank Jochem trägt diesem Umstand mit einem außergewöhnlichen Raumkonzept Rechnung. In seiner Filiale an der Schwesternstraße 1 sind Transparenz, Zurückhaltung, Würde, Wertigkeit und eine klare Designsprache die großen Themen. Mit einem Schaufenster auf voller Breite öffnet sich das Ladenlokal den Kunden. Diese Offenheit geht so weit, dass wer draußen steht, Jochems Mitarbeiter am Schreibtisch bei der Arbeit zusehen kann.

Üblicherweise füllen die Schaufenster von Pietäten Urnen, Särge und Bestattungszubehör. Bei Jochem hingegen stellen im Fenster zur Straße Schautafeln die Mitarbeiter vor – unter anderem mit freundlichen Fotos. Diese persönliche Note soll Schwellenangst nehmen. Bewusst verzichtet der 44-Jährige in seinem Geschäft auf eine schroffe Konfrontation mit Tod und Trauer. Innen empfängt die Besucher ein Ambiente aus gewollt reduzierten Farben: Weiß, Grau, Schwarz. Lediglich Blumengestecke mit Orchideen setzen dezente Farbtupfer. Eine durchbrochene weiße Wand aus Mineralwerkstoff dominiert den 75 Quadratmeter großen Raum. Sie trennt den Eingang von der Beratungszone im rückwärtigen Teil.

Die hinterleuchtete Wand ist nicht einfach eine Wand. Vielmehr erinnern die quadratischen Elemente darauf an Urnenwände, wie sie zum Beispiel auf Friedhöfen in Italien zu finden sind. Ins Auge fällt sofort das Labyrinth-Muster der Quadrate. Es ist ein Symbol für den verschlungenen Weg des Lebens und die Suche des Menschen nach seiner Mitte und nach Gott.

In der Beratungszone mit minimalistischem Tisch und coolen Stühlen verströmt der an Wänden und auf dem Boden großzügig verwendete Filz Wärme und Ruhe. Ein Kreuz von ungewöhnlicher Symmetrie (mit betont langer Querachse) fällt sofort ins Auge.

Anerkannte Fachzeitschriften wie „Cube“, „AIT“ und „PUR“ widmeten den Ideen des Bestatters zuletzt ausführliche Berichte. Aber auch die Resonanz von Passanten ist für den gelernten Bauzeichner der Beweis dafür, „dass Architektur in der Trauerarbeit Maßgebliches leisten kann“. Jochems Credo: „Ich kann keinem die Trauer nehmen. Aber ich kann dafür sorgen, dass es nicht noch unangenehmer wird.“

Das Bestattungsunternehmen ist in Rodgau seit Jahrzehnten etabliert. Gegründet wurde der Familienbetrieb vor 76 Jahren als Schreinerei und Bestattungsfirma. 1998 wurden die Geschäftszweige getrennt. Seither ist Frank Jochem Chef der Pietät.

Mehr als Orte der Trauer: Friedhöfe locken Touristen an

Obwohl der Unternehmer aus einer Schreinerfamilie kommt, hat er sich noch nie als Möbelbauer verstanden. „Ich möchte Räume gestalten. Das hat mir gefehlt.“ Dies war im Jahr 2007 Antrieb für den früheren Mitarbeiter des Architekturbüros Frühwacht, noch einmal recht spät mit dem Studium der Innenarchitektur zu beginnen. Bis 2014 dauerte es, dann hatte er an der Hochschule in Darmstadt zunächst den Bachelor, dann den Master of Arts geschafft.

Das erste Projekt als Innenarchitekt war der eigene Laden in Jügesheim, die Filiale zum Hauptsitz in Nieder-Roden. Impulse gab der Mann mit den vielen Berufsausbildungen aber auch bei der Neugestaltung des Abschiedsraums auf dem Waldfriedhof in Jügesheim. Einen Abschiedsraum plant der Geschäftsmann nun in Nieder-Roden. Denn auf den Friedhöfen in Rodgau (außer Jügesheim) gebe es großen Nachholbedarf. „Die Leute stehen in einem kalten Raum an einem Guckfenster. Das ist ein unheimliches Erlebnis. Die Leute wollen da nur so schnell wie möglich wieder raus. Das ist nicht tragbar.“

Jochems ungewöhnliche Ideen finden übrigens nicht nur in der Fachpresse breite Resonanz. Mehrfach wurde er zu Veranstaltungen und Fachmessen eingeladen, um sein Konzept vorzustellen. Der Grund dafür liegt für den gebürtigen Nieder-Röder auf der Hand. „So wie ich, hat sich noch keiner an dieses Thema ran getraut.“

Quelle: op-online.de

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