„Armen Omis Geld abgenommen“

Senioren am Bankautomaten um Ersparnisse gebracht

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Rodgau - Besonders für Senioren lässt sich mit dem Prozess, den Richter Manfred Beck vor dem Schöffengericht in Offenbach nach zwei Verhandlungstagen mit einem Urteil von 33 Monaten Haft für den Angeklagten beendet, eine Erkenntnis ziehen: niemals am Geldautomaten einen Fünf- oder Zehn-Euro-Schein aufheben, auf den ein vermeintlich hilfsbereiter Zeitgenosse einen hinweist. Von Stefan Mangold 

Jemand mit Kinderstube lässt alte Menschen sich sowieso nicht bücken. Genau darauf soll das „Geschäftsmodell“ des Angeklagten jedoch basiert haben. Die Staatsanwältin wirft ihm anfangs vor, in 41 Fällen gewerblich gestohlen und Computerbetrug begangen zu haben, mehrheitlich als Teil einer Bande. Mit Computer sind Geldautomaten gemeint. Die Täter lauern im Umfeld einer Bank auf ältere, gebrechliche Bürger, folgen ihnen in den Bankraum und erspähen die Geheimzahl. Anschließend folgt besagter Geldscheintrick. Wenn sich das Opfer bedankt und bückt, zieht ein anderer die Geldkarte heraus und steckt sie, wenn möglich, umgehend in den Automaten nebenan und hebt ab.

Der Angeklagte war mit der Masche im Kreis unterwegs: in Rodgau, Rödermark, Obertshausen, Mühlheim und Neu-Isenburg. Der Mann gesteht 15 Fälle. Dazu dürfte ihm sein Pflichtverteidiger Stefan Bonn geraten haben. Der Anwalt kommuniziert mit seinem Mandaten über die Dolmetscherin Magdalena Ochsenfeld, die ins Rumänische übersetzt. Bei den eingestandenen Fällen zeigen ihn Fotos, wenn auch von keiner guten Bildqualität. Der Angeklagte gesteht auch den Bandencharakter mancher Taten, der strafverschärfend wirkt. Dafür lässt die Staatsanwältin die restlichen Anklagen fallen, „wenn auch mit großen Bauchschmerzen“.

Verhaftet wurde der Angeklagte vor einem halben Jahr in Berlin. Dort erhielt er im Jahr 2008 wegen Diebstahls eine Bewährungsstrafe von elf Monaten. Ansonsten kassierte der 43-Jährige, der sich unaufgeregt verhält und in den Pausen ruhig mit seiner Mutter spricht, in Frankreich diverse Urteile, die zu kleinen Haftstrafen ohne Bewährung führten: Diebstähle, die der Angeklagte ohne Gewalt oder Androhung ausübte. Rechtsanwalt Bonn trägt etwas vor, das als günstige Sozialprognose ziehen soll. Der Angeklagte habe in Berlin eine Verlobte mit zwei Kindern aus einer früheren Beziehung. Nach seiner Entlassung wolle er sie heiraten. Die Frau, die als Kosmetikerin arbeitet, besorge ihm dann einen Arbeitsplatz. Der Anwalt plädiert zwar auf kein konkretes Strafmaß, spricht sich aber dafür aus, den Gefängnisaufenthalt für den geständigen Täter nicht all zu lange zu gestalten.

Die kuriosesten Gesetze aus aller Welt

Die Staatsanwältin konstatiert dem Angeklagten ein gerüttelt Maß an krimineller Energie. Es sei besonders verwerflich, sich gebrechliche, ältere Menschen als Opfer auszusuchen. Sie fordert zwei Jahre und neun Monate Gefängnis. So lautet auch das Urteil von Manfred Beck und den beiden Schöffen.

Das Geständnis wertet der Richter nicht sonderlich hoch. Der Angeklagte habe lediglich kalkuliert, dass es bis zu drei Jahren dauern könne, bis die Gutachten, die ihn höchstwahrscheinlich auf den Bildern eindeutig als Täter identifiziert hätten, auf dem Tisch lägen. Solange hätte er in U-Haft gesessen.

Auch Beck betont einen besonders schäbigen Charakter der Taten. Der Angeklagte ziehe es vor, statt etwa auf dem Bau zu arbeiten, „armen Omis das Geld abzunehmen“. Wegen Fluchtgefahr bleibe er in Haft. Nach Erhalt eines Strafbefehls, „gingen Sie in ein anderes Land und machten dort wie gewohnt weiter“. Der Angeklagte nimmt das Urteil sofort an.

Quelle: op-online.de

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