Rentner (74) in Dudenhofen durch SEK-Kugel getötet

Verfahren eingestellt: Polizeischüsse nicht vor Gericht

+
Bild vom Tatort in Rodgau. Weitere Motive in der Galerie.

Dudenhofen - Die tödlichen Schüsse auf einen Rentner in Dudenhofen bleiben für die beteiligten Polizeibeamten ohne strafrechtliche Folgen. Eineinhalb Jahre nach dem Tod des Mannes hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt. Von Ekkehard Wolf

Nach dem Tod des Rentners hatte die Behörde wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Im Fokus standen vier Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK). Sie hatten am Morgen des 17. Mai 2015 mehrmals auf einen Rentner geschossen, der mit einem Jagdgewehr in der Hand aus seinem Haus trat. Ein Schuss in den Oberkörper traf den 74-Jährigen tödlich. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen sei den SEK-Beamten kein Vorwurf zu machen, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Homm (Offenbach) gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Daher habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren nach § 170 der Strafprozessordnung eingestellt.

Die Anklagebehörde ging unter anderem der Frage nach, wie die Beamten die Situation einschätzten und ob sie richtig oder falsch handelten. Ein Ergebnis: Bei den Schüssen handelte es sich um sogenannte Abwehrschüsse. Sie sollten den bewaffneten Rentner davon abhalten, auf die Polizisten zuzugehen oder sie anzugreifen.

Lesen Sie dazu auch im Archiv:

Rodgauer wollte durch Kugeln sterben

Erschossener Rentner aus Dudenhofen war Jäger

Ermittlungen gegen vier Beamte

SEK erschießt Mann in Dudenhofen

„Zum Teil wurde bewusst auf Sachen geschossen, zum Beispiel eine Garage, um eine Annäherung zu verhindern“, berichtet Oberstaatsanwalt Homm. Zunächst hätten die Beamten eine spezielle Munition verwendet - eine Art Bleisäckchen, die schmerzhafte Hämatome verursachen können, aber nicht tödlich sind. „Auf diese Weise wurde versucht, Distanz zu wahren. Erst als das gescheitert war und er wiederholt mit der Jagdwaffe in der Hand auf die Beamten zuging, wurde auf scharfe Munition umgeladen.“ Der Rentner erlitt mehrere Schussverletzungen an den Beinen; er starb schließlich an einer Schussverletzung des Oberkörpers. Ob der 74-Jährige ebenfalls geschossen hatte, ließ sich nicht mit letzter Sicherheit klären. Sein Gewehr war jedenfalls funktionstüchtig.

Drei Wochen nach dem Tod des Rentners war die Ermittlungsbehörde zu dem Schluss gelangt, dass der 74-Jährige die Schüsse bewusst provoziert hatte. „Mehr oder weniger ein Suizid durch Polizeibeamte“, sagte Alexander Homm damals in seiner Eigenschaft als stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Offenbach. Der Rentner hatte den Polizei-Notruf angerufen: Er wolle sterben und werde eine Situation herbeiführen, in der man ihn erschießen müsse. Die Polizei wurde aus zwei Gründen tätig: um den angekündigten Freitod zu verhindern und eine Gefahr für Unbeteiligte auszuschließen.

Nach Erkenntnissen der Ermittler war der 74-Jährige krank. Er habe befürchtet, dass sich sein Zustand so verschlechtere, dass er eines Tages nicht mehr ohne fremde Hilfe leben könne. Es habe sich um eine körperliche, nicht um eine seelische Erkrankung gehandelt. Einzelheiten will die Staatsanwaltschaft mit Rücksicht auf den Persönlichkeitsschutz des Getöteten nicht nennen. Auch mehr als ein Jahr später hat die Anklagebehörde keine weiteren Erkenntnisse über das Motiv. Die „Arbeitshypothese“ sei unverändert, so Homm. Es gebe weder einen Abschiedsbrief noch eine Aussage, die das Verhalten des 74-Jährigen in seinen letzten Stunden erkläre.

Tödliche Schüsse in Rodgau

In den Wochen und Monaten nach der Schießerei hatte die Staatsanwaltschaft viele Zeugen befragt: beteiligte Beamte, Nachbarn, Angehörige und die letzte Lebensgefährtin des Getöteten. Bereits am Tag nach dem tragischen Geschehen war klar, dass der Rentner als Jäger zu Recht Schusswaffen besaß. In dem Reihenhaus an der Feldbergstraße hatte er mehrere Langwaffen und die passende Munition unter Verschluss. Erst kurz vor seinem Tod hatte der Kreis Offenbach seinen Jagdschein verlängert.

Warum dauerte das Ermittlungsverfahren so lange? Oberstaatsanwalt Alexander Homm erklärt das unter anderem mit den aufwendigen kriminaltechnischen Untersuchungen und der minutiösen Rekonstruktion der Ereignisse. Es habe eine langwierige Arbeit erfordert, die Vielzahl der Informationen miteinander in Deckung zu bringen. Einige Zeit erforderte auch das Recht der Beschuldigten auf Akteneinsicht, wie der Oberstaatsanwalt berichtet. In der Regel benötige ein Anwalt mehrere Wochen für eine dezidierte Stellungnahme. Zehn Menschen wurden letztes Jahr in Deutschland durch Polizeischüsse getötet. Das berichteten Zeitungen im September auf Grundlage einer Statistik der Deutschen Hochschule der Polizei.

Quelle: op-online.de

Kommentare