Städtebaulicher Wettbewerb in Rodgau

Mehr als 50 000 Einwohner?

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Baulandreserve in Nieder-Roden: Die Wiesen, Felder und Gärten zwischen Wohngebiet Forschheimer See (links), Heinrich-Böll-Schule und S-Bahn sind nun doch wieder als künftige Wohnbaufläche im Gespräch. Der Bebauungsplan N 39, der zurzeit in Arbeit ist, bezieht sich nur auf einen kleinen Teil (blaue Linie).

Rodgau - Die größte Stadt im Kreis Offenbach will weiter wachsen. Das Stadtparlament hat am Montag drei künftige Wohnbauflächen festgelegt. Im Westen zwischen Jügesheim und Hainhausen soll praktisch ein neuer Stadtteil entstehen. Von Ekkehard Wolf 

Damit könnte Rodgau den Sprung über die Grenze von 50 000 Einwohnern schaffen. Derzeit sind es etwas mehr als 43 000. Auch die ausgedehnte Grünfläche zwischen Forschheimer See und S-Bahn im Südwesten Nieder-Rodens ist jetzt eine offizielle Baulandreserve. Noch vor zwei Jahren wollte der Magistrat dieses Gebiet aus ökologischen Gründen als „Grünland“ festschreiben. Gleichzeitig sollte der Bebauungsplan N 39 zwischen Krümmlingsweg und Heinrich-Böll-Schule gestoppt werden. Das löste Proteste der betroffenen Grundstückseigentümer aus.

Die Kooperation aus SPD, Grünen, FDP und Freien Wählern vollzog seither eine Kehrtwende. Jetzt wird nicht nur der Plan N 39 vorangetrieben, sondern in absehbarer Zeit noch um eine doppelt so große Erweiterungsfläche ergänzt. Ein weiteres Baugebiet soll neben und hinter der Claus-von-Stauffenberg-Schule entstehen.

Die größte geplante Wohnbaufläche liegt zwischen Jügesheim und Hainhausen, eingefasst von Rodgau-Ringstraße und S-Bahn. Sie umfasst etwa 45 Hektar und ist schon lange als Baulandreserve im Gespräch. Der frühere Bürgermeister Alois Schwab hatte dieses „Zukunftsgebiet“ bereits 2004 zum Wahlkampfthema gemacht.

Wettbewerb soll Ideen sammeln

Die Planung und Bebauung dieser riesigen Fläche dürfte viele Jahre dauern. Ein städtebaulicher Wettbewerb soll Ideen sammeln. Das Wohngebiet soll in mehreren Abschnitten entwickelt werden.

Die am Montag beschlossene Liste künftiger Wohnbauflächen trägt die Handschrift der Kooperation aus SPD, Grünen, FDP und Freien Wählern. Mit deren Mehrheit wurde sie auch beschlossen. Es gab eine Gegenstimme (Die Linke) und zahlreiche Enthaltungen (CDU, ZmB).

CDU und „Zusammen mit Bürgern“ hatten eigene Anträge gestellt, die jedoch von der Mehrheit abgelehnt wurden. Während die CDU vor der 45-ha-Fläche zunächst drei kleinere Baugebiete entwickeln wollte, forderte ZmB ein umfassendes Konzept zur Stadtentwicklung, das auch Themen wie Energie und Verkehr berücksichtigt.

„Wir wissen, dass es ein sehr sportlicher Plan ist, das Gebiet zwischen Jügesheim und Hainhausen zu entwickeln“, sagte Ralf Kunert (SPD). Das dauere seine Zeit. Große Wohnbauflächen seien aber notwendig, um die hohe Nachfrage nach Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet zu befriedigen. Der Siedlungsdruck sei längst auch in Rodgau spürbar.

Besonders gründliche Planung sei erforderlich

An anderen Stellen der Stadt gebe es genug freie Flächen, so dass man nicht auf dieses riesige Gebiet angewiesen sei, wandte Clemens Jäger (CDU) ein. Bei Weiskirchen, Dudenhofen und Nieder-Roden könne man in den nächsten Jahren Baugebiete für rund 1 200 Wohnungen ausweisen. In Jügesheim/Hainhausen könne man bei mittlerer Bebauung mit 2 600 Wohnungen rechnen, bei Geschossbau noch mehr: „Da könnte ein neuer Stadtteil entstehen, der leicht die Einwohnerzahl Weiskirchens erreicht.“ Dies erfordere eine besonders gründliche Planung, allein schon wegen des Autoverkehrs. Es werde länger als ein Jahrzehnt dauern, die 45 Hektar zu entwickeln. Wenn die Bauplätze am Markt seien, sei die Nachfrage vielleicht nicht mehr da.

Horst Böhm (ZmB) nannte es „verwunderlich, dass ein so bedeutendes Vorhaben ohne Einbeziehung der Bürgerschaft stattfinden soll“. Vor der Aufstellung von Sitzbänken habe die Stadt eine ausführliche Bürgerbeteiligung initiiert, beim Grundsatzbeschluss zur Stadtentwicklung würden die Einwohner hingegen nicht gefragt.

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

Als „städtebauliche Bankrotterklärung erster Klasse“ bezeichnete Heiko Stenzel (Linke) die großflächige Entwicklung neuer Wohngebiete: „Die Bürger können nichts dafür, dass die Kooperation vor den Wahlen Panikattacken hat und alles zubauen will.“ Mit harten Worten kritisierte Stenzel auch die Kehrtwende der Mehrheit beim Grünland am Baugebiet N 39: „Lustloser kann diese Kooperation ihre Wertschätzung für eine ökologische Stadtentwicklung nicht mehr ausdrücken.“

Kommunalpolitiker dürften nicht dem Druck einzelner Gruppen nachgeben, sondern müssten zukunftsträchtige und verträgliche Entscheidungen für die ganze Stadt treffen, sagte Winno Sahm (Grüne). Die Kooperation habe die 45 Hektar an die erste Stelle gesetzt, weil man sie ohne einengende Randbedingungen entwickeln könne: „Viele Kommunen beneiden uns um diese Fläche.“ Die beschlossene Festlegung der künftigen Wohnbauflächen bezeichnete Sahm als „eine ambitionierte Entscheidung für die nächsten beiden Jahrzehnte. Und wenn wir das hinkriegen, haben wir mehr geschafft als die Generation vor uns.“

Quelle: op-online.de

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