TG hat modernsten Schießstand

Schuss ins Schwarze

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Schießsport im 21. Jahrhundert: Der Computer gehört dazu.

Weiskirchen - Die Turngemeinde Weiskirchen hat ihr teuerstes Bauvorhaben der letzten Jahrzehnte abgeschlossen. Die Schießsportanlage ist in Betrieb. Sie ist eine der modernsten Anlagen ihrer Art – und sicher ist sie die mit der längsten Bauzeit. Der Bauantrag wurde vor 23 Jahren gestellt. Von Ekkehard Wolf 

Die Kellertreppe führt ins 21. Jahrhundert. 15 Stufen unter der Jahnhalle befindet sich Technik vom Feinsten. Computerbildschirme zeigen Zielscheiben und Punktstände. Es ist sauber, hell und staubfrei. Dass hier geschossen wird, sieht man erst auf den zweiten Blick. Sicherheit wird groß geschrieben. Boden, Decke und Wände sind abprallsicher, falls mal eine Kugel daneben geht. Die Lüftung zieht Schmauch und Gase von den Schützen weg und bewegt dabei 20.000 Kubikmeter Luft pro Stunde. Wenn sie in Betrieb ist, kriegt man die Tür zum Schießstand kaum auf.

Solche Bedingungen finden Sportschützen selten. „Alle Vereine, die diese Anlage gesehen haben, sind begeistert“, berichtet TG-Vorsitzender Albert Ricker. Die Schützen des TSV Dudenhofen und Sportler aus Mühlheim haben sich bereits eingemietet. Noch sind Trainingszeiten frei.

Die Weiskircher sind auf weitere Nutzer angewiesen, um über die Runden zu kommen. Die neue Schießsportanlage ist zwar die modernste weit und breit, aber sie hat finanziell alle Grenzen gesprengt. Zeitweise stand der Verein am Rand des Ruins. „Ob ich das noch einmal machen würde? Da würde ich lieber eine Kegelbahn bauen“, sagt TG-Vorsitzender Albert Ricker. Die Eröffnung des Schießstandes am Donnerstag war der Abschluss einer unendlichen Geschichte.

Ursprünglich eine Kegelbahn unter Jahnhalle

Tatsächlich befand sich ursprünglich eine Kegelbahn unter der Jahnhalle. Dann schloss sich der Schützenclub Auerhahn der Turngemeinde an. Bald darauf wurde im Untergeschoss geschossen. Mit den Erfolgen wuchsen die Ansprüche. 1991 beantragte der Verein, die Bahnvon 25 auf 50 Meter zu verlängern. Ein Anwohner zog vor Gericht. Er fürchtete Lärm und andere Beeinträchtigungen durch die unterirdische Anlage. Der Rechtsstreit endete wie das Hornberger Schießen: Weder Amts- noch Landgericht gaben ihm Recht.

Nach vier gewonnenen Prozessen und sechs Jahren stand die TG Weiskirchen wieder am Anfang. Die Bauvorschriften hatten sich geändert, die Kosten waren gestiegen und in der Prioritätenliste der hessischen Sportförderung war das Projekt auf einen aussichtslosen Platz abgerutscht. Albert Ricker: „Wir hatten zwar alle Prozesse gewonnen, aber die Zeit lief uns davon.“

Dass der Schießstand doch noch fertig geworden ist, grenzt an ein Wunder. Immer wieder gab es neue Vorschriften, neue Kosten und neue Sorgen. Und immer wieder setzte sich im Verein eine Haltung der Beharrlichkeit durch: Jetzt sind wir schon so weit, da können wir doch nicht aufgeben! Mit städtischer Hilfe kam der Verein auch über die letzte Hürde: Die Stadt kaufte sich aus einer alten Verpflichtung frei, indem sie die Zuschüsse für zehn Jahre auf einen Schlag ausbezahlte. Außerdem verkaufte die Turngemeinde einen Teil ihres Geländes als Bauland. Zu den positiven Folgen zählen neue Parkplätze und Flutlicht für den Sportplatz.

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125 Jahre TG Rodgau-Weiskirchen

Bürgermeister Jürgen Hoffmann bezeichnete das Ergebnis am Donnerstag als Gewinn für alle Beteiligten. Wenn man vertrauensvoll, offen und ehrlich miteinander rede, könne man unkonventionelle, gute Lösungen finden. TG-Vorsitzender Albert Ricker steckte dem Bürgermeister dafür die Ehrennadel des Vereins an. Die gleiche Auszeichnung erhielten Bodo Bauer, Günter Ketterl und Jürgen Wagner. Sie hatten unzählige Arbeitsstunden in den Innenausbau gesteckt.

Die TG Weiskirchen besitzt eine der modernsten Schießsportanlagen der Republik. Das bauliche Abenteuer der letzten 23 Jahre hat rund 360.000 Euro gekostet – drei Mal so viel wie die ursprünglich geplanten 230.000 Mark. Nach all den Jahren ohne eigenen Schießstand hat die Schützenabteilung nur noch rund 40 Mitglieder. „Wir hoffen, dass wir auch wieder junge Leute für den Schießsport begeistern können“, sagt Vorsitzender Albert Ricker. Der Kläger von einst kann sich darüber nicht mehr ärgern. Er ist vor einigen Jahren gestorben.

Quelle: op-online.de

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