Nach 70 Jahren schließt wieder ein Traditionsgeschäft

„Rupp an der Kirche“: Geschäftsidee findet zu wenig Kunden

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Jetzt wird es ernst: Bereits im Herbst 2015 hatte der Familienbetrieb in einer kurzen Zeitungsmeldung angekündigt, im Lauf dieses Jahres zu schließen. Zur Zeit locken noch die wochenweise steigenden Abverkaufsprozente. 

Jügesheim - Ein weiteres Traditionsgeschäft in der Jügesheimer Ortsmitte gibt auf. Im Haushaltswarengeschäft „Rupp an der Kirche“ läuft der Räumungsverkauf. Das Unternehmen wurde 70 Jahre alt. Von Ekkehard Wolf 

Es ist ein Opfer des Strukturwandels im Einzelhandel: Geschirr, Gläser und Besteck kauft man heute im Supermarkt, im Möbelhaus oder im Internet. Zum 70. Jubiläum war niemandem nach Feiern zumute. Am Tag danach baute das Team die Ware für den Räumungsverkauf auf: ein Tag harte Arbeit für den endgültigen Abschied. „Wir hätten das Ganze auch als Jubiläumsverkauf machen können“, sagt Stefanie Gawrilow. Sie arbeitet seit 37 Jahren im Betrieb der Eltern, ihre Schwester Martina Schöneweg seit 38 Jahren. Für beide ist das Geschäft wie ein Zuhause. Nur ihre Ausbildung hatten sie woanders absolviert.

Bereits im Herbst 2015 hatte der Familienbetrieb in einer kurzen Zeitungsmeldung angekündigt, im Lauf dieses Jahres zu schließen. „Gibt‘s denn schon Prozente?“, fragten die ersten Käufer im Januar. Dann kamen all diejenigen, die in den vergangenen Jahren einen Einkaufsgutschein geschenkt bekamen. Im Februar verschickten die Geschäftsleute mehr als 1000 Postkarten an Stammkunden, um sie zuerst über den Räumungsverkauf zu unterrichten. Die Resonanz war umwerfend. „So einen krassen Tag habe ich noch nie erlebt“, berichtet Stefanie Gawrilow. Ein Kunde brachte es auf den Punkt: „Wenn die, die hier sind, früher alle gekommen wären, müsste die Familie nicht schließen.“

Der Mann ist nicht der Einzige, der das bedauert. „Wir kriegen ganz viele liebe Worte“, bestätigt Stefanie Gawrilow, „aber die Zahlen sprechen schon seit Jahren nicht mehr dafür.“

Vor drei Jahren habe sie einen Berater des Einkaufsverbandes gefragt, was sie denn falsch mache. Die Antwort: nichts. Die ganze Branche befindet sich im Umbruch. Geiz ist geil, auch die großen Häuser leiden darunter. Töpfe und Pfannen gibt‘s im Supermarkt – und wer fragt noch danach, ob sie Jahrzehnte lang halten? Geschirr, Gläser und Besteck kauft man im Möbelhaus. Die größte Konkurrenz lauert im Internet. Stefanie Gawrilow: „Jeder Klick vernichtet einen Arbeitsplatz.“ Und trotzdem gibt es nach wie vor Menschen wie jene ältere Dame, die neulich zwei Päckchen Gummiringe für ihre Einweckgläser kaufte. Wo geht diese Frau künftig hin?

Nicht nur das Einkaufsverhalten hat sich geändert. Das sieht man zum Beispiel an den Hochzeitstischen oder Wunschlisten. Da stellten Brautpaare ihre Wünsche zusammen und die Gäste konnten sicher sein, das passende Geschenk zu finden. Seniorchefin Edith Sahm: „Wir hatten 50, 60 Wunschlisten pro Jahr, die haben für uns den Sommer überbrückt. Heute gibt es keine einzige mehr.“ Ein Grund: Bei Hochzeiten geht der Trend zur großen Veranstaltung. Viele Brautpaare wünschen sich Geldgeschenke für die teure Feier und für die Hochzeitsreise. Das Erlebnis zählt – nicht mehr die Tischausstattung.

„Mitarbeiterinnen wurden mit Kusshand genommen“

Die Eisen Rupp KG – so heißt das Unternehmen seit 1968 – gehört nach wie vor Edith und Willibald Sahm. Ihre beiden Töchter Martina Schöneweg und Stefanie Gawrilow sind ebenso angestellt wie die langjährigen Verkäuferinnen. Im Nachhinein sind alle Beteiligten froh, dass die Eltern das Unternehmen nicht schon längst an die nächste Generation übergeben haben. „Der Nutznießer wäre nur das Finanzamt gewesen“, sagt Willibald Sahm. Außerdem müssen die Töchter bis zur Rente noch einige Jahre arbeiten. Falls sie nicht gleich eine neue Arbeitsstelle finden, bekommen sie wenigstens Arbeitslosengeld.

„Gott sei Dank haben zwei meiner Mitarbeiterinnen schon einen neuen Job“, freut sich Stefanie Gawrilow: „Sie bleiben auch in der Branche. Ihr Fachwissen ist gefragt. Sie wurden mit Kusshand genommen.“ Bei der Entscheidung im Sommer waren zunächst Tränen geflossen. Eine Mitarbeiterin brachte die Lage auf den Punkt: „Machen wir uns nichts vor – wir haben es doch alle gemerkt.“ Im Sommer konnte es passieren, dass an manchen Tagen nur zehn Kunden in den Laden kamen. Woher sollte da das Geld kommen? Ein Berater hatte der Familie schon vor ein paar Jahren zur Schließung geraten.

„Es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten“, sagt Willibald Sahm. Seit Jahren seien die Kosten höher als der Ertrag gewesen.

Als unsere Zeitung über die geplante Schließung berichtete, trat eine paradoxe Kehrtwende ein. „Wir haben seither jeden Monat mehr Umsatz gemacht“, berichtet Stefanie Gawrilow. Das muss aber auch sein. „Umsatz, Umsatz, Umsatz“, heißt die Devise. Der Räumungsverkauf dauert, bis der Laden leer ist. Was viele Kunden nicht wissen: Ein großer Teil des Kapitals steckt im Warenbestand. Edith Sahm: „Jedes Stück ist bezahlt. Wir können die Ware nicht zurückgeben.“

Wofür die Deutschen ihr Geld ausgeben

Das Geld ist die eine Sache, die Gefühle sind eine andere. Stefanie Gawrilow drückt es so aus: „Da geht ein Stück Leben weg. Mir werden die treuen Kunden fehlen. Das kriegen wir auch gesagt: Wir werden auch den Kunden fehlen. Das tut uns auch gut. Aber genutzt hat es nichts.“ Viele Stammkunden reagierten fassungslos auf den Beginn des Räumungsverkaufs. Sie kamen in den Laden, schauten sich um und gingen dann wieder. „Sie mussten es erst verdauen“, berichtet Stefanie Gawrilow.

Ihr Rat an gute Kunden, die schon alles haben: „Kauf‘ dir ein Andenkstück.“ Noch während des Räumungsverkaufs findet sie ab und zu Zeit, einem treuen Kunden mit einem Geschenktipp für die Liebste weiterzuhelfen: eine Tasse mit modelliertem Kussmund, die passenden Süßigkeiten gibt‘s in Jügesheim gleich um die Ecke. Genau das liebten viele Rodgauer an diesem Geschäft: ein Warensortiment für viele Gelegenheiten, dazu freundlichen und fachmännischen Rat, der auch über die eigene Ladentür hinausreicht. Das ist bald passé. Nun wird sogar die Ladeneinrichtung preiswert abgegeben und rund 900 Quadratmeter in zentraler Lage suchen einen Mieter.

Die Inhaberfamilie blickt optimistisch nach vorn: Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Den Juniorchefinnen hilft dabei ihre Erfahrung in der Fastnacht. Stefanie Gawrilow: „Ich war einmal Prinzessin. Da sagt man: hinfallen, aufstehen, Krone richten – und weiter geht‘s.“

Quelle: op-online.de

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