Trauung in der katholischen Kirche St. Nikolaus

Auf schwerer Harley zum Altar

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Fast voll besetzt war die Jügesheimer St.-Nikolaus-Kirche am Samstag bei der wohl ungewöhnlichsten Hochzeit des Jahres. Mit ihrer Harley Davidson fuhren Jürgen und Carmen Förster direkt vor den Altar.

Jügesheim - Eine gefühlte Ewigkeit ist Wendelin Meissner schon Pfarrer in St. -Nikolaus in Jügesheim. Eine Hochzeit wie am vergangenen Samstag hat der 75-jährige Geistliche erklärtermaßen noch nicht erlebt:

Im Sattel einer Harley Davidson fuhr das traute Paar durchs Kirchenportal und direkt vor den Altar – mit dem Segen und zur Freude Meissners, der nicht nur das Glück von Carmen und Jürgen Förster, sondern auch die Maschine dem Schutz des Allmächtigen anempfahl. „Das Motorrad segnen lassen – das war am Anfang die Idee“, erzählt der Bräutigam die Geschichte der wohl ungewöhnlichsten Trauung, die in Rodgau je stattgefunden hat. Der 52-Jährige, seit Anfang Mai Harley-Pilot, kennt die Risiken des Biker-Lebens besser als die meisten anderen: Förster ist seit über 35 Jahren Polizeibeamter, seit 2007 als Polizeioberkommissar in Babenhausen. Motorrad gefahren ist er schon immer, früher aber „etwas extremer“ mit Straßenrennmaschinen, wie er sagt. Auf eine Harley umzusteigen, sei schon immer sein Traum gewesen. „Und wenn nicht jetzt, dann vielleicht gar nicht mehr.“

Erinnerungen an schwere Tage und Wochen schwingen da mit, auch Gedanken an eine unsichere Zukunft. Denn mit der Gesundheit steht es sowohl bei Jürgen als auch bei Carmen (48), die er schon 2014 standesamtlich geheiratet hat, nicht zum Besten: Sie leidet an Multipler Sklerose (MS) und hat nach Worten ihres Mannes gerade zwei schlimme Schübe hinter sich. Er selbst hat starkes Rheuma und Probleme mit den Gelenken. In nicht allzu ferner Zukunft könne er im Rollstuhl landen. Aufgeben ist indessen seine Sache nicht: „Ich kann mich frei bewegen und mir selbst mein Essen kaufen. Es gibt Leute, denen geht es noch viel schlechter“.

Und vor allem, betont Förster, hätten gemeinsames Leid und gegenseitige Fürsorge beiden den Wert ihrer Beziehung vor Augen geführt: „In guten wie in schlechten Tagen – wir wissen, was das heißt“. Im Gottesdienst am Samstag besiegelten beide ihre Zusammengehörigkeit in bewegenden Ansprachen. Wichtig sei ihnen das Bekenntnis zueinander „vor versammelter Mannschaft und vor dem Chef da oben, der uns zusammen geführt hat“, hatte Jürgen Förster zuvor im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt.

Dass aus den beiden ein Paar werden würde, war nicht unbedingt vorgezeichnet. Während Carmen in Jügesheim aufgewachsen ist, stammt Jürgen aus Schaafheim. Zwar kannten sie sich laut Pfarrer Meissner schon als Jugendliche, gingen aber zunächst getrennte Wege. Beruflich gibt es keine Berührungspunkte. Sie arbeitet am Empfang eines Seniorenstifts in Aschaffenburg, er hält in Babenhausen quasi im Alleingang die Stellung für die Polizeistation Dieburg, unterstützt die Stadt in Polizei-Belangen und ist außerdem Schul- und Flüchtlingsbeauftragter. Wieder begegnet seien sie sich im Schwimmbad, verriet der Geistliche. Zusammen leben sie seit 13 Jahren, aktuell im Großostheimer Stadtteil Ringheim.

Den Pfarrer und die St.-Nikolaus-Kirche kennt Carmen seit ihrer Kindheit. Im Frühjahr trug sie dort ihren Vater zu Grabe und erneuerte so den Kontakt. Mit der Harley bis vor den Altar zu fahren, sei Meissners Idee gewesen, sagt Jürgen Förster. Um die Stufen vor dem Portal überwinden zu können, habe er extra eine Rampe aus Riffelblech bauen lassen.

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Am Samstag steuerte er die Maschine vom Typ Streetbob Special unter dem satten Blubbern ihres 1700-Kubikzentimeter-Motors ebenso gefühlvoll und kontrolliert zwischen den fast voll besetzten Kirchenbänken hindurch wie sonst über die Landstraßen der Region: „Ich fahre zwischen 70 und 90“, verrät Förster. „Da bekommt man alles mit, riecht sogar die Natur – es gibt nichts Schöneres.“ Erst recht, wenn Carmen auf dem Sozius sitzt und beide ein gemeinsames Ziel vor Augen haben. Noch dieses Jahr will das Paar nach Österreich in den Urlaub biken. Am Samstag reihte sich die Hochzeits-Harley nach der Trauung in einen Konvoi aus rund 20 Maschinen ein – alles Freunde, die bei einem Motorrad-Corso durch Jügesheim das Geleit gaben. Gefeiert wurde dann mit der Familie im Waldschlösschen an der Weiskircher Straße. (rdk)

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Quelle: op-online.de

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