Seit 20 Jahren: Superheldinnen am Sorgentelefon

Frauen-Beratungsstelle unterstützt Krisengeschüttelte und Gewaltopfer

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Kein seltenes Bild in deutschen Haushalten. 35 Prozent der in der Bundesrepublik lebenden Frauen haben laut einer EU-weiten Studie Erfahrungen mit Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner.

Rodgau - Ganz egal, wie gleichberechtigt die Welt manchmal scheint: Noch immer sind 82 Prozent aller Opfer von häuslicher Gewalt weiblich. Beratung und Unterstützung gibt’s im Ernstfall bei der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen. Von Eva-Maria Lill

Das zuständige Büro für den Kreis Offenbach feiert in diesem Jahr 20. Geburtstag. Und hat noch immer alle Hände und Ohren voll zu tun.
In jeder Frau schlummert eine Superheldin. Manchmal kauert sie ganz klein und schwach, manchmal hat sie Angst. Besonders, wenn es um Gewalt in Beziehungen geht, traut sie sich oft nicht, ihr Cape anzulegen und davonzufliegen. Oder zumindest mit Mut aufzustehen und andere um Hilfe zu bitten. Dann braucht es jemanden wie Kerstin Strathus. Seit August 2014 arbeitet die 55-Jährige in der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen für den Kreis Offenbach. Das Angebot an der Hochstädter Straße in Jügesheim gibt es aber schon länger – seit März 1996, etwas mehr als zwanzig Jahre.

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In dieser Zeit hat sich vieles verändert – auch, was Gleichberechtigung und Frauenrecht angeht. Einiges ist aber erschreckend gleich geblieben. Laut aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamts sind immer noch über 80 Prozent aller Opfer häuslicher Gewalt weiblich. Jede dritte deutsche Frau gibt laut einer Studie der Europäischen Union für Grundrechte an, betroffen zu sein. Weniger als 40 Prozent sprechen aber darüber.

Schuldgefühl und Scham sind Gründe fürs Schweigen, sagt Strathus. Auch der familiäre Hintergrund spiele eine Rolle. Je isolierter die Frau, desto länger verweile sie in der bedrohlichen Situation. Denn sie fürchtet sich davor, auch noch den letzten Rest Sicherheit aufzugeben. Auch finanzielle Abhängigkeit macht Aushalten leichter als Anrufen. Betroffene bagatellisieren die Gewalt, idealisieren die Beziehung. Einige verdrängen, dass sie Opfer geworden sind. Oder wissen gar nicht, dass ihnen Gewalt geschieht. „Gerade am Anfang einer Beziehung macht Verliebtheit blind“, sagt Strathus. Kontrollieren von Handynachrichten und Telefonaten sei aber kein Zeichen von romantischer Eifersucht, sondern ein Fall für die Beratungsstelle. Auch: Das was der Partner im Schlafzimmer fordert, muss nicht gegeben werden, Frau hat immer eine Wahl. Seit 1997 sind Nötigung und Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

Die Beratungsstelle in Jügesheim ist für den gesamten Kreis Offenbach zuständig, Zweigstellen gibt’s in Dietzenbach (Offenbacher Straße 17) und Langen (Zimmerstraße 3). Das Angebot umfasst Hilfe bei akuten Situationen, aber auch bei langfristigen Problemen. Schritt für Schritt erklimmt Strathus gemeinsam mit den Opfern bürokratische Berge, erläutert Rechtsgrundlagen, vermittelt Anwälte, übersetzt Beamtenkauderwelsch und überwindet Sprachbarrieren. „Gerade in akuten Bedrohungssituationen fällt klares und geordnetes Denken schwer“, weiß Strathus. Auch bei persönliche Krisen, etwa bei Trennung und Scheidung, gibt’s Infos. Die Beratungen sind parteilich, vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym. Auch mit der Polizei arbeitet das Zentrum eng zusammen.

Sollte der Druck zu groß, die Gefahr zu hoch sein, vermittelt die Beratungsstelle ans Frauenhaus. Pro Kreis gibt es eines davon. Aber: Die Plätze sind rar. Das liegt auch daran, dass es immer schwerer wird, bezahlbaren Wohnraum zu finden. „Viele Frauen verbleiben deshalb in der Gewaltsituation oder im Frauenhaus, weil sie sich einen Auszug nicht leisten können“, so Strathus. Hier müsse die Politik nachbessern.

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Das gilt auch für die Finanzierung. Im Jubiläumsjahr wurde die Kreis-Beratung als erste in Hessen öffentlich ausgeschrieben. Ihre Existenz konnte für drei weitere Jahre gesichert werden. Dabei sprechen die Zahlen für sich: Seit 1996 wurden im Kreis Offenbach insgesamt 3280 Frauen beraten. Los ging’s mit 48, ab 2009 pendelte sich die Zahl auf jährlich etwa 240 ein. Das ist auch 2015 aktuell, herausfordernd sind beratungsintensive Frauen, die schlecht oder gar kein Deutsch sprechen. Von den 2015 beratenen 239 Betroffenen waren 138 Migrantinnen. Mindestens 167 Kinder litten unter Gewalt in Paarbeziehungen. Gerade für Frauen mit Nachwuchs sei der erste Schritt hin zur Beratung, hin zum Superheldinsein, ein schwieriger, sagt Strathus. Denn auch Kinder sind unmittelbar von häuslicher Gewalt betroffen. Dennoch macht sie Frauen Mut: „Es gibt immer einen Auswegen. Verweilen ist keine Alternative.“

Beratungsstelle in Jügesheim: Hochstädter Straße, Mo.-Do. 9-16.30 Uhr, offene Sprechzeiten Mi. und Do., 14.30-16.30 Uhr; Beratungsstelle in Dietzenbach: Räume Diakonisches Werk, Offenbacher Straße 17, Di. 9-12 Uhr, Mi. 9-16.30 Uhr, offene Sprechzeiten Mi. 9-13 Uhr;
Beratungsangebot in Langen: im Zentrum für Jung und Alt, Zimmerstraße 3, Di. 9-16.30 Uhr, Do. 12.30-16.30 Uhr, offene Sprechzeiten: Di. 9-14 Uhr – Termine für alle drei Standorte per Telefon: 06106/3111; 
Stadt Offenbach hat eine eigene Beratungsstelle, Bieberer Straße 17, 069/82995710.

Quelle: op-online.de

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