Die Anerkennung fehlt

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Simone Wesseling.

Jügesheim - Der Internationale Frauentag am morgigen Sonntag, 8. März, ist Anlass, sich mit den Lebensbedingungen von Frauen zu beschäftigen. Denn auch im 21. Jahrhundert gibt es noch viel zu verbessern. Davon können beispielsweise Alleinerziehende ein Lied singen. Von Simone Weil 

Simone Wesseling ist ein Organisationstalent. Nur mit einem ausgeklügeltem System bekommt die alleinerziehende Mutter von drei Kindern Arbeit und Familie unter einen Hut. Der besondere Anspruch der Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Rodgau: Allen Beteiligten soll es mit dem Arrangement gut gehen. Mit Blick auf den Internationalen Frauentag fordert die 46-Jährige mehr Anerkennung für die Erziehungs- und Familienarbeit. Die werde als zu selbstverständlich angesehen, kritisiert sie. „Es heißt immer, Kinder sind die Zukunft, aber dann will keiner etwas dafür tun. Wir Frauen bräuchten zum Beispiel noch einen zusätzlichen Ausgleich bei der Rente.“

An ihrem Arbeitsplatz habe es nie ein böses Wort gegeben, wenn ein Anruf von der Schule kam und sie plötzlich weg musste, weil einem Kind schlecht war oder wenn die Kinder krank waren und sie die gesetzlich vorgesehenen zusätzlichen Urlaubstage in Anspruch nehmen musste. „Ich wünsche mir für Frauen in vergleichbaren Lebenssituationen, dass sich mehr Arbeitgeber auf den Weg machen, um Mitarbeiterinnen zu unterstützen“, sagt Simone Wesseling. Allerdings sollte auch der Gesetzgeber Familien helfen: „Es ist nicht in Ordnung, dass es die zusätzlichen Urlaubstage nur für kranke Kinder bis zwölf Jahren gibt, darüber hinaus müssen Eltern Urlaub nehmen“, bemängelt die alleinerziehende Mutter.

Die Rathausmitarbeiterin geht gerne arbeiten und ihre Aufgaben im Büro des Personalrats machen ihr Spaß. Sie ist Schwerbehindertenvertreterin und darüber hinaus auch Mitglied im Gesamtpersonalrat. Dennoch hält sie Erwerbs- und Familienarbeit für gleich wichtig. „Ich bin in der glücklichen Lage, eine Teilzeitstelle mit 29 Wochenstunden zu haben, stelle mir aber die Frage, wie lange ich mir diesen Luxus wegen steigender Lebenshaltungskosten leisten kann“, erzählt sie. Die Kehrseite der Medaille: Eine Urlaubsreise ist nicht drin (die Kinder fahren mit ihrem Vater weg), das Budget ist penibel verplant, Überraschungen wie eine kaputte Waschmaschine oder eine Autoreparatur sind besondere Herausforderungen.

Die gelernte Erzieherin, die 20 Jahre in ihrem Beruf gearbeitet hat, findet es wichtig, für ihre Zwillinge (14) da zu sein: mit Zeit, mit offenen Ohren für ihre Sorgen und Nöte, als wichtiger Ansprechpartner – gerade in der Pubertät. Auch die 22-jährige Tochter war dankbar, dass die Mutter ihre Bewerbungsphase begleitet hat. „Das muss ich aber auch gegenüber meinen Freundinnen verteidigen, dass ich Teilzeit arbeite“, erzählt die Gewerkschafterin. Manchmal ärgern sie Sprüche wie: „Ich möchte auch nur bis 14 Uhr arbeiten wie du, dann kann man sich noch mal in die Sonne legen.“

Dabei ist die zweite Tageshälfte der Alleinerziehenden total verplant, denn sonst schafft sie ihr Pensum nicht. Nach einer Verschnaufpause geht es ans Kochen und jeden Tag läuft eine Waschmaschine. Bügeln, putzen, Arztbesuche, einkaufen, und, und, und. Sie fördert das Hobby der Söhne, dafür geht dann der Samstag mit Fußball drauf. „Ich komme wie viele andere Frauen auch auf zehn bis zwölf Stunden Arbeit pro Tag“, rechnet die Angestellte vor. Damit die energiegeladene und positiv denkende Frau nicht falsch verstanden wird: Sie beklagt sich nicht. „Ich habe großen Respekt vor den Eltern, die Vollzeit arbeiten müssen“, sagt sie. Der Druck sei einfach groß. Auch das kennt Simone Wesseling. Schließlich hat sie in ihrer Zeit als Erzieherin auch kranke Kinder betreut. „Ich weiß, dass die Eltern die auch lieber daheim gelassen hätten, aber sie mussten eben zur Arbeit.“

Quelle: op-online.de

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