Orchester musizieren in ungewöhnlicher Umgebung

Singende Säge in der Schreinerei

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Die Schreinerei-Bühne hatten Matthias Manus (Mitte) und seine Familie bereit gestellt. Gerd Oczko pries edle Holzbrettchen an.

Nieder-Roden -  Zwar auf dem Holzweg, aber durchaus richtig waren Konzertliebhaber unterwegs, die am Samstag nicht den Weg zum Bürgerhaus, sondern zur Schreinerei Manus einschlugen. Von Christine Ziesecke 

Das Seiteneinsteiger-Orchester „Vielklang“ und seine Nachwuchsformation „Furios und Atemlos“ gaben dort ihr Mottokonzert „In der Schreinerei“. Konzerte im Gewächshaus sind dank des Engagements der Gärtnerfamilie Fischer in Rodgau inzwischen eine lieb gewonnene Tradition. Konzertanter Blechbläserklang in einer Schreinerei: das gab’s aber noch nie.

„Wir hatten ja in den vergangenen Jahren schon Mottokonzerte zu den Themen rund um die Schmiede oder um den Koch, allerdings noch im Bürgerhaus. Aber diesmal zieht es uns außer Haus“, erläuterte Dirigentin und Orchesterchefin Angela Groh vom Musikverein Nieder-Roden die Premiere. In der befreundeten Familie von Matthias Manus fanden sie den optimalen Partner.

„Wir haben seit gut zwei Wochen hier um- und aufgeräumt: Mitten im vorderen Raum, wo wir gerade stehen, stand vor kurzem noch ein riesiger Schrank“, erinnert sich Matthias Manus mitten in seiner gut abgesicherten und fast klinisch sauberen Schreinerei. Die einzigen Hobelspäne, die es hier noch zu sehen gab, hingen an den Musikern. Birgit Meyer-Tauber hatte dank künstlerischer Begabung für alle Orchestermitglieder verschiedene Span-Kreationen entworfen: als Haarschmuck, um den Hals, am Gürtel oder an der Hemdentasche – ein Vergnügen fürs Auge des Besuchers, der immer wieder Neues entdeckte. Zwischen dezent angestrahlten Werkzeugen und Maschinen von der riesigen elektronisch gesteuerten Säge bis zur Hobelmaschine, mitten im unverwechselbaren Duft von frischem Holz, erlebten gut verteilt rund 240 gespannte Zuhörer ein ganz besonderes Konzert.

Unter der musikalischen Leitung der Rödermärkerin Andrea Hunkel „Furios und Atemlos“ startete das erst seit gut einem Jahr zusammen spielende Seiteneinsteiger- und Anfängerorchester die Premiere und bewies, wie schnell man auf diesem Weg zu einem guten Orchester werden kann. Schon nach drei Wochen können Neueinsteiger hier mit den anderen ins gemeinsame Musizieren einsteigen, was die Lernmotivation enorm hebt.

Die Frauenpower ging auch beim Auftritt des Orchesters „Vielklang“ weiter. Seit seiner Premiere im Oktober 2005 dirigiert Angela Groh dieses Orchester, in der Schreinerei noch verstärkt durch die junge Kollegin Marleen Martiny. Besonderer Gag in diesem ohnehin ganz besonderen Konzert: Natürlich hatten alle Stücke mit dem Thema Holz zu tun, vom „Norwegian Woodn’t“ (einer wunderbaren Verzahnung von Edvard Grieg und Paul Mc Cartney), über die „Liebe eines Borkenkäfers“ („eine Suite für Borkenkäfer und Blasorchester“, in den Stimmen auch eindeutig herauszuhören) bis zum altbekannten „Lemon Tree“, zu „Drei Briefmarken“ oder auch zu „Knock on Wood“.

Beim Interpretieren der gespielten Stücke half Jürgen K. Groh als Moderator dem Publikum gewohnt charmant und informativ. Er erklärte sogar die Unterschiede zwischen Blattzahnsägeblättern und Trapezzahnsägeblättern – ein herrliches Vergnügen. Ein Schmankerl war die „singende Säge“, mit der Michael Schultheiß nicht nur akustisch, sondern auch optisch sein Zuhörer mitriss. Jeder musste zunächst mal ganz genau hinschauen, ob auch wirklich bloß ein dünnes Sägeblatt mit einem Bogen gestrichen, diese Töne hervorbrachte.

Den perfekten Ausklang brachte der gemeinsam von beiden Orchestern gespielte und von allen drei Damen dirigierte „Schreinermarsch“, von der ganzen Schreinerei mit begeistertem rhythmischem Klatschen begleitet. Nebenbei gab’s nicht nur Maschinen und Werkzeuge zu bestaunen in der Schreinerei, sondern auch Holzobjekte jeder Art, die unter anderem im Kerzenschein den Hof in der Pause beleuchteten. Und wer den Holzgeruch gern mit nach Hause retten wollte, konnte sich auch aus einer Reihe von Objekten eines mitnehmen: vom hochwertigen Schneidebrett bis zu kunstvollen Hockern gab’s Kunsthandwerk zu erstehen. Jetzt ist das Publikum gespannt, wohin die Konzertreise im nächsten Jahr führt. Wo erklingt das nächste Mottokonzert? Man darf auf eine Überraschung hoffen.

Quelle: op-online.de

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