Trip ins Ungewisse

Tätowier-Studio lädt zur Blind Session

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Nicht der Kunde, sondern der Künstler bestimmte am Samstag im Dudenhofener Tattoo-Studio Snake Skin, welches Motiv am besten passt. Mit Chef-Tätowierer Daniel Rust (links) und seinem Team ließen sich zahlreiche Kunden auf das Abenteuer Blind Tattoo Session ein. 

Dudenhofen - Ein stilisiertes Gesicht, ein grinsender Totenkopf mit Schwertern oder doch lieber ein Blumenmotiv? Wer zu Daniel und Anja Rust ins Studio kommt, bestimmt gewöhnlich selbst und nach gründlicher Überlegung, was den Arm, den Rücken oder einen anderen Körperteil zieren soll.

Am Samstag hatte die Motivwahl bei Tattoo Snake Skin an der Dudenhofener Kirchstraße etwas von einer Lotterie: Bei der Blind Tattoo Session bestimmten die Tätowierer, was am besten zum Kunden passt - und schritten ohne weitere Diskussion zur Tat. „Es ist ein Abenteuer – nicht nur für die Kunden, sondern auch für uns“, sagt Rust. Seit der 29-Jährige im Juni 2011 sein Studio eröffnete, kommen Menschen quer durch alle Bevölkerungsgruppen zu ihm, um sich kunstgerecht verzieren zu lassen: „Von der Hausfrau über den Banker bis zum Handwerker ist alles dabei.“ Die Altersspanne reiche von 18 bis 65 Jahren. Kreative Aktionen haben die Rusts schon oft gestartet, eine Blind Session aber war für das Team neu. „Meine Frau hat die Idee aus New York mitgebracht“, verrät Rust. In Deutschland kennt er noch keine Vorbilder – und der ehemalige Bundeswehr-Fallschirmjäger kommt herum: In Dudenhofen nimmt er ab und zu Leute unter die Nadel, die er auf Tattoo-Conventions in Leipzig, Luxemburg oder der Schweiz getroffen hat.

Auch die stichfesten Klienten, die am Samstag gespannt, beklommen oder dezent amüsiert in die Deko-Werkstatt spazieren, haben nur vage Vorstellungen. Die meisten haben schon das eine oder andere Hautkunstwerk vorzuweisen – so wie Sebastian Uhlemeyer, der seinen drei Tattoos das vierte hinzuzufügen gedenkt. Eine „Hello Kitty“ wäre nett, sagt er, ist aber entschlossen, sich überraschen zu lassen. Hat er kein Problem damit, seinen Unterarm als Versuchsfeld herzugeben? „Dann wäre ich nicht hier“, kommt es gelassen – ein Satz, den der neugierige Frager fast wortgleich immer wieder hört.

Vertrauen und Hoffnung schwingen da mit – Neugier auch, wie die eigene Persönlichkeit auf den Tätowierer wirkt. Denn ins Blaue hinein und nur nach eigenem Gusto agieren die vier Artists (Künstler), wie sie unter Insidern heißen, bei Snake Skin nicht: Im Gespräch orientieren sie sich über Lebensumstände, Beruf und private Vorlieben, beurteilen den persönlichen Stil und ertasten Grenzen: Was mag dieser Mensch, was geht da gar nicht? „Dann schaue ich mir meine Vorlagen an und frage mich, was zu dem Kunden passt“, erklärt Artist Dajana Vogel – dies freilich nach dem eigenen Kompass. Den ersten Stich mit der vibrierenden Nadel setzt die 34-jährige gelernte Erzieherin im Schutz einer textilen Blende, die das Gegenüber verdeckt.

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Der Rest ist Handwerk und für fast alle im Studio eine bekannte Prozedur. Ihre Werkzeuge handhaben die Artists mit voller Konzentration. Höchstens bis zur zweiten Hautschicht dürfe jeder Stich gehen, erklärt Kevin Roth, 24 Jahre alt und einer von drei Auszubildenden bei Snake Skin. Für ein handtellergroßes mehrfarbiges Motiv gehen schon mal zwei Stunden drauf. Während drei weitere Kunden geduldig warten, hält Sebastian Uhlemeyer tapfer still und beißt die Zähne zusammen. Die Schmerzquelle kann er nicht einmal sehen.

Seine Ausdauer wird belohnt, als die Sichtblende verschwindet und auf dem Unterarm ein Bild aus Rosenblüten, einem Dolch und einem Schriftzug erscheint: „Beautiful Painart“ – schöne Schmerz-Kunst. Uhlemeyer ist begeistert.

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rdk

Quelle: op-online.de

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