Theater total: Drama spiegelt Zeitgeist

Beziehungen am Abgrund

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Zynische „Gesellschaftsspiele“: Michael Gelbke (links) und Stefan Schmidt (rechts) in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“.

Nieder-Roden - Von Bosheiten und Demütigungen vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch von Neid, Minderwertigkeitsgefühlen und Frust, erwachsen aus der Konkurrenz im Gesellschaftsleben, berichtete die Inszenierung „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ im Bürgerhaus Nieder-Roden.

Die Produktion von Theater Total in Kooperation mit dem Impuls-Kulturverein und unter der Regie von Karlheinz Schmück orientierte sich an dem gleichnamigen Drama von Edward Albee. Die Darsteller Tanja Garlt, Michael Gelbke, Leonie Löw und Stefan Schmidt verstanden es, Witz und Tragödie gleichermaßen gekonnt zu pointieren. Die Zuschauer würdigten dies immer wieder mit Szenenapplaus. .

Im Grunde nur ein Abend unter zwei Pärchen: Eheleuten, die seit 20 Jahre verheiratet sind, und einem eher jungen Liebespaar. Doch von einem „Gesellschaftsspiel“ zum nächsten, über den Abend hinweg werden nahezu alle Abgründe des Beziehungs- und Gesellschaftslebens durch schwarzen Humor und Streitigkeiten offen gelegt. Das Stück spielt sich die ganze Zeit vor einer Kulisse ab, die einem Wohnzimmer gleicht. Auf einem Stehtisch sind Gläser und diverse Spirituosen untergebracht und auf einem kleinen Beistelltisch an der Couch stehen weitere. Dementsprechend ist gerade der reiche Alkoholkonsum ein wichtiges Thema in der Runde. Angeheizt durch zahlreiche Drinks entstehen querbeet Streitigkeiten; zunächst nur bei dem älteren Paar, dann aber auch bei den jungen Liebesleuten und schließlich wild durcheinander. Ein Streit führt zum nächsten.

Insbesondere Martha, gespielt von Tanja Garlt, treibt zu Anfang den Disput voran, indem sie ihren Mann, George, gespielt von Michael Gelbke, immer wieder vor den Gästen demütigt, bis dieser sich scheinbar nicht mehr anders zu helfen weiß und wild in Rage eine der Schnapsflaschen ergreift. „Ich bringe dich um!“, droht er, rot vor Zorn und wird gerade noch von Nick (Stefan Schmidt) daran gehindert. Allerdings markiert das noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, wie schnell deutlich wird. Nach einer kurzen Stille schlägt George, eben noch völlig außer sich, ein neues „Gesellschaftsspiel“ vor: „Das erste Gesellschaftsspiel haben wir hinter uns. Was spielen wir jetzt?“

Insgesamt entwickelt sich das Stück fortlaufend dahin, dass immer mehr persönliche Tragödien der Paare und Einzelschicksale zur Schau gestellt werden. Bei den beiden weiblichen Persönlichkeiten wird zunehmend klar, dass deren Psyche zugleich von Sehnsucht nach Mutterschaft und Angst davor geprägt ist. Honey (Leonie Löw) beispielsweise hat sich bereits vor der Hochzeit des jungen Paares eine Schwangerschaft eingebildet und Martha hält seit 21 Jahren an dem Glauben an ihren fingierten Sohn fest. Bei den männlichen Figuren spielen hingegen Ehrgeiz, Neid, Fortschritt, Geld und Erfolg eine außergewöhnliche Rolle. Durch all die Verstrickungen, die im Lauf der Inszenierung zutage treten, wird eine immense Gesellschaftskritik deutlich. So wie Edward Albee mit seinem Stück in den 60er Jahren den Zeitgeist traf, gelang das der Gruppe von Theater Total auch heute, im Jahr 2015.

sjs

Quelle: op-online.de

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