Örtliche Trauerbegleitern lehnen US-Theorie ab

Für Trauer bleibt Angehörigen nur 14 Tage Zeit

Rodgau - In den USA hat die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen immer weniger Platz. Das maßgebliche Diagnosehandbuch für US-Psychiater legt dafür eine Frist von 14 Tagen fest. Wer nach dem Tod eines Angehörigen länger als zwei Wochen traurige Gedanken und Gefühle hat, kann umgehend die Diagnose einer Depression erhalten – und gälte dann als psychisch krank. Rodgauer Trauerbegleiter reagieren darauf bestürzt. Von Bernhard Pelka 

Wie lange darf man trauern, ohne als seelisch krank zu gelten? Welche Symptome sind „normal“ und welche sind als psychische Störung einzustufen, die der Behandlung bedürfen? Mit solchen Fragen befasst sich in den USA das seit 1952 immer wieder überarbeitete Diagnostic and Statistical Manual der American Psychiatric Association. Diese Orientierungshilfe ist so etwas wie die Bibel der amerikanischen Psychiater. Deren fünfte Auflage (DSM-5) regt nun an, dass bei Angehörigen nach einem bedeutenden Verlust außer einer Trauerreaktion auch eine depressive Episode diagnostiziert werden sollte. Und das bereits nach 14 Tagen.

„Das ist unfassbar, das geht gar nicht“, reagiert Trauerbegleiterin Gabriele Große aus Jügesheim bestürzt. Sie leitet von Beginn an das überkonfessionelle „Trauercafé Hoffnung“ in der evangelischen Emmausgemeinde. Seit fünf Jahren treffen sich dort jeden dritten Donnerstag im Monat von 19 bis 20.30 Uhr Angehörige. „Eine Dame kommt schon seit dem ersten Tag“, beschreibt Gabriele Große, dass Trauer keine Zeitbeschränkung hat. „In 14 Tagen erfassen sie das nicht einmal ansatzweise. Das tiefe Loch kommt viel später.“ Trauer sei sehr individuell. Zum Beispiel sei zu unterscheiden zwischen der Trauer über einen plötzlichen Verlust, der wie ein Schock wirke, und Trauer über den Verlust nach langem Leiden. Das könne irgendwann dann sogar als Erlösung verstanden werden. Emmaus-Pfarrer Axel Mittelstädt erinnert daran, dass Hinterbliebene früher ein ganzes Jahr lang schwarze Kleidung trugen und ihre Trauer damit öffentlich machten. „Das heißt, es war Sensibilität füreinander da.“ Diese guten Erfahrungswerte mit dem althergebrachten Trauerjahr nun einfach über Bord zu werfen, sei „äußerst fragwürdig“.

Auch Trauerbegleiterin Christina Dölle lehnt die amerikanischen Richtlinien ab. „Sie entsprechen nicht der Lebenswirklichkeit. Nicht umsonst gibt es das Trauerjahr.“ Jeder gehe mit seinen Gefühlen doch anders um. Dem Erwartungsdruck, möglichst schnell wieder funktionieren zu müssen, dürfe man nicht nachgeben. Die Leiterin des ambulanten Hospiz- und Palliativdienstes der Johanniter Unfallhilfe appelliert: „Das Schlimmste ist, Trauernde allein zu lassen. Deshalb sollte man immer Offenheit signalisieren, dass man da ist, wenn man gebraucht wird. Sprüche wie: ,Der Verstorbene hat wenigstens nicht gelitten“, helfen keinem weiter.“ Gemeinsame Trauerarbeit ist etwa während der Johanniter-Spaziergänge jeden dritten Sonntag im Monat in Dreieich möglich. Die Angehörigen treffen sich immer um 15 Uhr an der Winkelsmühle (06106/871025).

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Auch Experten wie Prof. Dr. Frank Jacobi aus Berlin halten die 14-Tage-Frist des US-Diagnosesystems für Unsinn. „Trauer kann man nicht in eine Handlungsvorschrift fassen“, nimmt er für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) Stellung. „In Deutschland haben Ärzte und Psychotherapeuten aufgrund der hier geltenden Diagnoserichtlinien allerdings genug Spielraum, um selbst zu entscheiden, ob eine trauernde Person einer Diagnose und professioneller Hilfe bedarf. Dies kann zum Beispiel bei ausgeprägter Suizidalität der Fall sein – und hierfür ist ein Zeitkriterium nicht relevant.“

Trotzdem heißt es, wachsam zu sein gegenüber der Tendenz, die amerikanischen Ideen auch in Europa zu übernehmen. Und zwar in die International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – in das wichtigste diagnostische Handwerkszeug der Psychiatrie. Die Neuauflage der ICD, die ICD-11, wird für 2017/2018 erwartet. Dabei soll es in vielen Diagnosefragen zur Angleichung an das US-Diagnosehandbuch kommen.

Quelle: op-online.de

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