Keine Scheu vor Erde

Schon unter Dreijährige erforschen im Waldkindergarten die Natur

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Guckt mal her: Die Erzieherinnen Sarah Abellàn (links) und Antje Kneller machen die kleine Schar auf einen Pilz am Wegrand aufmerksam.

Nieder-Roden - Ob schon die ganz Kleinen einen Vormittag im Waldkindergarten packen? Die Frage stellt sich bei der „Zwergengruppe“ der Elterninitiative „Die Wühlmäuse“ nicht. Von Natalie Kotowski

Denn obwohl gerade mal zwei Jahre alt, stapfen die Jungen und Mädchen mit sichtbarem Spaß stundenlang durch Laub und Matsch. Weit reicht der Blick nicht. Nach ein paar hundert Metern schwimmen die Baumstämme in dicker Nebelsuppe. Der Waldweg scheint sich im grauen Wolkendickicht aufzulösen. Doch für die zweijährige Joela ist ohnehin nur das spannend, was da direkt vor ihren Füßen liegt: braun glänzende Eicheln, die das Mädchen begeistert in ein Eimerchen sammelt. Joela und vier weitere „Waldzwerge“ durchstreifen an diesem Herbstmorgen mit ihren Erzieherinnen Antje Kneller, Sarah Abellàn und Yvonne Wiechmann den Wald rund um das Don-Bosco-Heim, wie jede Woche montags bis mittwochs von 9 bis 12.45 Uhr. Die „Waldzwerge“, das sind die Kleinsten von 18 Monaten bis drei Jahren im Waldkindergarten „Die Wühlmäuse“. Und schon diese kleinen Windelträger bewegen sich die meiste Zeit bei fast jedem Wetter draußen in der Natur. Auch bei dichtem Nebel.

Die Zweijährigen Toni, Lena und Joela (von links) backen im Wald eifrig „Matschekuchen“.

„Am öftesten befürchten Eltern, ein Vormittag im Freien könnte für die Kleinen zu kalt sein“, berichtet Sarah Abellàn. „Aber wir haben als Gegenargument ja unsere beheizbare Hütte. Wenn es friert, frühstücken wir dort, im Winter wickeln wir die Kinder da auch“, ergänzt Kollegin Antje Kneller. Die richtige Kleidung sei das A und O. Tatsächlich wirken die Kleinen alles andere als durchgefroren und kränklich. Joela schwenkt lachend ihr Eimerchen, die Eicheln und andere Fundstücke klappern und kullern. Spielgefährte Toni stapft unterdessen entschlossen durch das raschelnde Laub, er will sich einen Stock angeln, den er am Wegesrand gefunden hat. Die Zwillinge Tim und Lena streicheln vorsichtig den samtigen Pelz von Esskastanien. Kein Geschrei, kein Gequengel, nur ab und zu klingt ein aufgeregtes „Da!“ durch den Wald, wenn eines der Kinder etwas Aufregendes wie einen Pilz oder einen schuppigen Zapfen gefunden hat.

Auf einer isolierten Picknickdecke packen Kinder und Erzieherinnen ihre Brotdosen zum Frühstück aus.

Die andächtige Prozession buntbemützter und leuchtend gewandeter Jungen und Mädchen scheint die Stille zu genießen, die Kinder konzentrieren sich auf jedes Stöckchen, das hervorsteht. Antje Kneller erlebt diesen Effekt bei jedem neuen Kind wieder: „Die Atmosphäre im Wald ist ruhig und ausgleichend, es ist für uns Erzieher, aber auch für die Kinder stressfreier als in einem geschlossenen Raum.“ An diesem Tag geht es zum Erdloch, einem der vielen natürlichen Spielplätze, die die „Wühlmäuse“ und „Waldzwerge“ in Absprache mit Förster Peter Bangert nutzen dürfen. Dort wird auf einer isolierten Decke gefrühstückt, anschließend können die Kleinen spielen, es wird immer wieder gesungen, Bilderbücher beguckt, gebuddelt, Waldschätze werden versteckt und gefunden. Antje Kneller lässt Lärchennadeln durch ihre Finger rieseln. Jonna, noch keine zwei Jahre alt und derzeit die jüngste „Zwergin“, beobachtet das lautlose Fallen begeistert. „Die Kinder bekommen einen intensiven Blick für Details, trauen sich, Dinge anzufassen. Die Sensorik wird sehr gut geschult“, erläutert die Pädagogin. Als Jonna genug geschaut hat, trippelt sie weiter, meistert den unebenen Waldboden in ihren Stiefelchen im Laufschritt. „Für solche Gleichgewichtsübung brauchen wir hier keine Motorikrampe aus Holz und keinen Gymnastikraum. Das gibt es im Wald so nebenbei.“

Trotz all dieser Vorteile fehlten den „Wühlmäusen“ zuletzt unter Dreijährige. Weil nicht die Stadt, sondern ein ehrenamtlicher Elternverein Träger ist, finanziert sich der Kindergarten aus Mitgliedsbeiträgen (jährlich 50 Euro pro Person, 80 Euro für Familien) und Spenden. Während für Jungen und Mädchen nach ihrem dritten Geburtstag wie in allen Rodgauer Einrichtungen die Betreuungskosten wegfallen, müssen Eltern für Plätze bei den „Zwergen“ monatlich 140 Euro bezahlen.

„Das Betreuungsgeld hatte uns da ganz schön zugesetzt“, sagt Sarah Abellàn. Viele Eltern hätten es sich schon überlegt, ob sie auf die Unterstützung vom Staat verzichten und sogar noch draufzahlen für die drei Tage Vormittagsbetreuung: „Das war für viele wohl zu heftig.“ Aber seit das Bundesverfassungsgericht im Sommer den als „Herdprämie“ verrufenen Zuschuss kippte, seien wieder deutlich mehr Eltern an kostenlosen Schnupperterminen interessiert. „Wir haben jedenfalls genügend Spielraum für neue Zwerge“, sagt Antje Kneller.

Quelle: op-online.de

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