Hobbyhirte Wolfgang Friedrich zieht es der Berge

Herz an die Alm verloren

+
Wolfgang Friedrich aus Dudenhofen hat sich einige Jahre als Hobby-Almhirte in Vorarlberg verdingt. Er liebt die Natur und die Berge und schätzt es, sein eigener Herr zu sein. 

Dudenhofen - Wolfgang Friedrich sammelt weder Briefmarken noch Bierdeckel, er hat sein Herz nicht an Schnapsflaschen im Miniaturformat verloren und besitzt auch keine Modelleisenbahn. Von Simone Weil 

Der Wahl-Rodgauer hat ein ungewöhnlicheres Hobby: Als Almhirte verdingt sich der aus dem Allgäu stammende Hobby-Maler, der sich regelmäßig an der Rodgauer Art beteiligt, von Juni bis September etwa 100 bis 120 Tage lang. Während andere Urlaub machen und vom Nichtstun träumen, geht der 73-Jährige freiwillig schaffen: Harte körperliche Arbeit, Abgeschiedenheit und einfachste Lebensverhältnisse sind für den Rentner wahrer Luxus. „Es ist eine Art Erfüllung des ganzen Menschen“, versucht Wolfgang Friedrich zu erklären, was ihn aus dem Sessel in die Ferne treibt. „Da habe ich mein Herz verloren“, sagt er.

Während seiner Wandertouren im Großwalsertal und anderswo hatte der Nebenberufshirte es immer bedauert, wieder absteigen und zurückkehren zu müssen aus den geliebten Bergen. Deswegen war er sofort angetan von der Idee, sich als Älpler zu versuchen, als er eine Anzeige las. Es ist die Mischung aus Ruhe, dem Rhythmus der Natur, die den Tagesablauf vom Sonnenauf- bis zum -untergang bestimmt, schon weil es kein elektrisches Licht gibt. Fließendes Wasser aber ist zu haben: bitterkalt aus einem Schlauch im Fels direkt von der Quelle. Der Strahl füllt den Trog vor der Hütte, aus dem das Vieh säuft.

Die Wartung und Pflege des Schlauchs im Fels ist eine der wichtigsten Aufgaben, schließlich geht nichts ohne Wasser. Die Tiere müssen getränkt werden, der Hirte will sich waschen. Wenn es regnet oder Gewitter kommen, kann der Zufluss verunreinigt oder gar verstopft werden. Deswegen wird regelmäßig kontrolliert. Der Proviant kommt per Hubschrauber, schließlich sind es zwei Stunden Fußweg zum nächsten Ort – einfach. Nur dort kann er das Mobiltelefon aufladen, mit dem er auch nicht überall in den Bergen Empfang hat. Es darf also nichts geschehen, keine schwerwiegende Erkrankung, kein Unfall.

Rückschläge halten Wolfgang Friedrich nicht auf

Einmal ist der Einsiedler auf Zeit gestürzt, hat sich den Rücken aufgeschlagen und ist am nächsten Tag kaum mehr auf die Füße gekommen. Er hat sich mühsam aus dem Bett herausgerollt und es mit Hilfe eines Handtuchs sogar geschafft, eine Salbe auf dem Rücken aufzutragen. Dennoch machen solche Erlebnisse dem Hirten keine Angst, sondern beeindrucken ihn, wie er so zurückgeworfen wird auf sich selbst. Ob das Wetter Kapriolen macht und es einen überraschenden Wintereinbruch mit Schnee gibt oder eines der Tiere eine Fehlgeburt hat, immer muss der Hirte für alles alleine sorgen.

Sein eigener Herr sein, die Verantwortung für eine kleine Herde zu haben, das alles macht dem Rodgauer Rentner so viel Freude, dass er sich immer wieder nur für Kost und Logis bei Bauern verdingt. „Das hat schon ein bisschen mit Idealismus und Romantik zu tun“, räumt der Senior ein. Denn Friedrich genießt es, in der „urgemütlichen“ Hütte zu sitzen, die er blitzblank gescheuert hat. Mithilfe der Lektüre über das „Handwerk des Älplers“ hatte sich der Hobbykünstler auf die Aufgaben auf der Alm vorbereitet und dort selbst ein umfangreiches Tagebuch geführt. Doch das Kapitel Hirtenleben ist inzwischen leider zu Ende. Denn seine Frau, die auf seine Hilfe angewiesen ist, möchte der Rentner nicht mehr so lange alleine lassen. Auch wenn die Sehnsucht nach den Bergen groß ist.

Quelle: op-online.de

Kommentare