Im Zweifelsfall stehen lassen

Experte warnt eher vor gammeligen als giftigen Pilzen 

+
Giftig aber nicht tödlich: Den Fliegenpilz pflückte Experte Dieter Gewalt bei der Vhs-Exkursion am Samstag in Dudenhofen nur zu Demonstrationszwecken. „Stehen lassen“, rät er sonst.

Dudenhofen - Spät kommen sie, dafür aber umso zahlreicher. Nach einem trockenen Sommer mit zu wenig Feuchtigkeit im Juli, August und September kommen Pilzsammler seit Anfang Oktober doch noch auf ihre Kosten.

Hier identifiziert er für sein Publikum an der Gänsbrüh einen essbaren Täubling.

Reiche Ernte hielten mehr als 30 Naturfreunde, die an der Gänsbrüh bei Dudenhofen zu einem Rundgang aufbrachen – vor allem an Wissen über die oft schmackhaften, teils aber auch gefährlichen Waldgewächse. Was es über Schirmlinge, Täublinge, Röhrlinge und all ihre vielgestaltigen Verwandten zu sagen gibt, hat Dieter Gewalt schon hunderte Male erzählt. Auch bei der Rodgauer Volkshochschule (Vhs), Gastgeberin bei der Pilzexkursion, ist der Dietzenbacher mit seinen in Jahrzehnten gesammelten Kenntnissen als Gastdozent geschätzt. Dabei lerne auch ein ausgewiesener Experte immer dazu, betont Gewalt, bevor er mit seiner Frau Tui und den Gästen die gut zweistündige Wanderung antritt. Nicht nur der Klimawandel, auch der natürliche Lauf der Evolution bringe immer wieder Veränderungen hervor, ständig gewinne die Forschung neue Erkenntnisse.

Auf gesichertem Terrain bewegt sich der Fachmann, als er seinem Publikum den Riesenschirmling vorstellt. Auch als Parasolpilz bekannt, ist er ein Klassiker unter den Speisepilzen: Sein bis zu 40 Zentimeter breiter Hut mit den charakteristischen Lamellen an der Unterseite kann wie ein Schnitzel gebraten werden. Das wissen auch viele der Führungsteilnehmer, die selbst schon erfahrene Pilzsammler sind und in Dudenhofen ihre Kenntnisse verfeinern wollen. Wirklich große Riesenschirmlinge finden sich laut Gewalt zumeist an Straßen- und Wegrändern im Wald. Auf einer Lichtung nahe der Gänsbrüh entdeckt die Gruppe mehrere kleine Exemplare. Gewalt zeigt, wie sich der Pilz anhand des leicht beweglichen – und wohlschmeckenden – Ringes am Stiel sicher erkennen lässt.

Ohne eindeutige Identifizierung komme kein Pilz in den Sammelkorb, warnt der Experte: „Im Zweifelsfall stehen lassen“. Schließlich seien Pilze auch Teil des Öko-Systems Wald. Erfahrene Sammler wagen gelegentlich die Geschmacksprobe: Nur kurz kosten, niemals schlucken, lautet dabei die Devise. Denn Delikatessen wie der Riesenschirmling haben ebenso nahe wie gefährliche Verwandte, etwa den grünen Knollenblätterpilz. Der komme in der Rhein-Main-Ebene in fast allen Wäldern vor und könne tatsächlich tödlich sein, betont Gewalt. Sein Gift greife die Leber an und hinterlasse bei Überlebenden oft bleibende Schäden. Andere bekannte Giftpilze werden laut Dieter Gewalt oft falsch eingeschätzt. So sei der weiß auf rot gepunktete Fliegenpilz zwar tatsächlich giftig, „er hat aber noch niemanden umgebracht“. Der berüchtigte, dabei aber extrem seltene Satanspilz verliere weitgehend seinen Schrecken, wenn er erhitzt werde: Zwar sei er dann noch immer ungenießbar, verursache aber statt Lebensgefahr dann nur noch Erbrechen und Durchfall – wie übrigens fast alle Pilze, wenn sie roh verzehrt werden.

Auf den Pilz gekommen: Wie die Anzucht im Garten gelingt

Als Ausnahmen der ungebratenen oder ungekochten Verwendung gehen nach Worten des Pilzsachverständigen nur Steinpilze und Champignons durch, beim Selbstsammeln sei aber Vorsicht geboten: Der Karbol-Champignon etwa, seit einigen Jahren oft in Parks und Grünanlagen zu finden, sei gänzlich ungenießbar. „Die besten Champignons“, verrät der Fachmann, „wachsen hierzulande im Supermarkt.“ Bei seiner Tätigkeit als Pilzberater für das Frankfurter Gesundheitsamt sondert Dieter Gewalt übrigens weit seltener echte Giftpilze als vielmehr verdorbene Exemplare aus. Als „Gammelpilze“, wie er sie nennt, bringen ihm weniger kundige Sammler besonders häufig Maronen-Röhrlinge, die in ihrem Zustand – von Schimmel oder Maden befallen, frostgeschädigt oder schlicht zu alt – besser im Wald geblieben wären. Bei einer Fundkorb-Kontrolle, der sich jeder Teilnehmer der Exkursion unterziehen musste, sagte der Pilzexperte immer wieder seinen Merksatz auf: „Wer an Pilze im Wald die gleichen Qualitätsansprüche wie an Gemüse im Supermarkt stellt, ist auf der sicheren Seite.“ (rdk)

Quelle: op-online.de

Kommentare