Interview mit Perihan Demirdöven und Stefan Gerl

„Politik muss Spaß machen“

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Sommer-Interview Im Garten von Stefan Gerl blühen jede Menge Sonnenblumen - das Symbol schlechthin für grüne Politik. Gerl und Perihan Demirdöven setzen sie im Stadtparlament um.

Urberach - Perihan Demirdöven und Stefan Gerl, die Fraktionsvorsitzenden der Anderen Liste, waren die Gastgeber unseres zweiten Sommerinterviews.

Bei türkischer Spinattorte und Apfelsaft von Streuobstwiesen sprach Rödermark-Redakteur Michael Löw mit ihnen über Aufgabenverteilung, Koalitionsklima und personelle Alternativen der AL, wenn Bürgermeister Roland Kern 2017 in den Ruhestand geht.

Sie führen die AL-Fraktion als Doppelspitze. Ist das der alten grünen Philosophie „Jedem Mann in einer Spitzenposition muss eine Frau zur Seite stehen“ geschuldet?

P.D.: Ausnahmsweise handelt es sich nicht um eine alte grüne Philosophie, sondern um eine praktische Herangehensweise, um in der Koalition und vor dem Hintergrund des grünen Bürgermeister optimal agieren zu können. Dieses Modell hat sich in der Praxis als sehr effektiv herausgestellt.

S.G.: Aber unabhängig davon hatten wir davor ja auch zwei Männer (Michael Uhe-Wilhelm und Stefan Gerl) als Spitze und das hat sich hervorragend bewährt. Jeder hat seine Fachgebiete: Frau Demirdöven Familie, Soziales, Kultur und Integration; ich Städteplanung, Umwelt und Ökologie. Gemeinsam wird die Haushaltspolitik bearbeitet. Wir können uns jederzeit austauschen und ergänzen uns auch aufgrund unserer unterschiedlichen Temperamente sehr gut.

Mein Eindruck im Stadtparlament: Stefan Gerl ist für die Alltagsarbeit verantwortlich und darf auch mal auf Angriff spielen wie jüngst gegen FDP-Fraktionsvize Dr. Rüdiger Werner. Und Sie, Frau Demirdöven, sind Sprecherin bei stadttragenden Themen wie dem Haushalt. Beschreibe ich Ihre Aufgabenteilung richtig?

P.D.: Ich bin in meinem Beruf als Rechtsanwältin stets Streitereien und Konfrontationen ausgesetzt. In meinem Privatleben und auch in meiner Funktion als ehrenamtliche Politikerin übernehme ich daher gerne die Rolle der „guten Fee“. Die Themenschwerpunkte, die Stefan Gerl bearbeitet, sind zudem oft so angelegt, dass Konfrontationen wegen divergierender Ansichten und Zielvorgaben hin und wieder nicht zu vermeiden sind.

Stefan Gerl blickt auf mehr als 35 Jahre politische Tätigkeit zurück, insofern ist es verständlich, dass er den n o c h aktiveren Part in der Stadtverordnetenversammlung übernimmt.

Anfang der Woche hat Michael Gensert, der Fraktionschef der CDU, die Pfunde aufgezählt, mit denen der schwarze Teil der Koalition wuchern kann. Mit welchen Pfunden wuchert der grüne Partner im Kommunalwahlkampf 2016?

S.G.: Die erweiterte grüne Mitte wird dauerhaft gesichert. Der Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder (auch U 3) kann befriedigt werden. Bis 2018 wird Rödermark einen defizitfreien Haushalt haben. In Rödermark kann jedes Kind, das die vierte Klasse verlässt, schwimmen. Wir haben eine vorbildliche Integration (Islamunterricht, Schillerhaus) und eine hervorragende Willkommenskultur für Flüchtlinge. Die Altlastensanierung klappt, wir haben ein Stück Rodau renaturiert und viel Bürgerbeteiligung. Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen.

Kommt Ihnen die nächste Frage nicht auch bekannt vor? Was könnte nach vier Jahren Koalition in Rödermark grüner sein?

P.D.: Ich nenne hier mal vier Punkte: Fortschritte beim kommunalen Klimaschutz wurden gebremst durch ungünstige bundesweite Rahmenbedingungen. Fortschritte bei der Rodau-Renaturierung wurden gebremst durch fehlende Grundstücke und die Finanzierung. Die kostenlose Kita-Versorgung scheitert derzeit leider an der Rödermärker Finanzlage und den bundesweiten Rahmenbedingungen. Die Reduzierung des innerstädtischen Autoverkehrs zum Beispiel auf der Ortsdurchfahrt Urberach scheitert an regionalen Zusammenhängen und unterschiedlichen Zuständigkeiten.

Vor welchen Herausforderungen steht Rödermarks neue Stadtverordnetenversammlung, die am 6. März nächsten Jahres gewählt wird?

P.D.: Das sind so viele, dass ich mich auf Stichpunkte beschränke: ausgeglichener Haushalt bis 2018 und danach Schuldenabbau, Einzelhandel weiter entwickeln, Mobilisierung von Bauland durch Innenentwicklung, Weiterentwicklung des Naturschutzes, Radverkehr im innerstädtischen Bereich, Pakt für den Nachmittag weiter begleiten und Schulkindbetreuung sichern, Revitalisierung von Gewerbebrachen, Verkehrssituation verbessern (ÖPNV), Standards bei Integration und Zusammenleben der Kulturen weiter verbessern, Verbesserung der Wohnraumversorgung für Geringverdiener und ältere Menschen.

Mit welchem Partner wollen Sie diese Herausforderungen angehen?

S.G.: Auf kommunaler Ebene ist es nicht üblich, mit Koalitionsaussagen in den Wahlkampf zu gehen. Wie werden der Bevölkerung unsere inhaltlichen Vorstellungen präsentieren und nach der Wahl gegebenenfalls den Partner suchen, mit dem die Vorstellungen am ehesten realisiert werden können. Die Ergebnisse der bestehenden Koalition können bislang als guter Erfolg verbucht werden. Wie es nach der Wahl weitergeht, muss wie gesagt nach dem 6. März verhandelt werden. Viele Themen sind auf einen längeren Zeitraum als eine Wahlperiode angelegt. Die AL hat ein großes Interesse, diese Projekte erfolgreich zu Ende zu führen.

Wer füllt die Lücke, wenn Bürgermeister Roland Kern, jahrzehntelang das Aushängeschild der AL Rödermark, in knapp zwei Jahren pensioniert wird?

S.G.: Die Diskussionen werden AL-intern geführt. Die Öffentlichkeit wird nach Abschluss der Beratungsphase informiert. Grundsätzlich stehen eine ganze Reihe hochqualifizierter Persönlichkeiten zur Verfügung.

Frau Demirdöven, Sie sind Frau, jung, eloquent und arbeiten erfolgreich als Anwältin. Das sind doch fast ideale Voraussetzungen für einen Einstieg in die hauptamtliche Politik...

Ja, vielen Dank erst einmal. Meine Passion ist es, mich für die Belange der Menschen einzusetzen, ihnen zu helfen, sie zu beraten und mein Wissen zur Verfügung zu stellen, egal auf welcher Ebene und in welchem „Outfit“. Deshalb habe ich mich ja schlussendlich auch für den Anwaltsberuf entschieden.

Auch Roland Kern und vor Jahren Thomas Przibilla in Rodgau waren erst Rechtsanwalt und dann Bürgermeister.

Ich sag’s noch einmal (und lächelt dabei tiefsinnig): Meine Passion ist es, Wissen und Hilfe weiterzugeben. Da ist die Funktion nachrangig.

Vier Wochen dauern die Sommerferien noch. Sind das auch vier Wochen Urlaub von der Politik für Sie beide?

P.D.: Die „Doppelspitze“ hilft, dass auch in den Sommerferien immer ein Ansprechpartner für Bürger, Bürgermeister und den Koalitionspartner da ist. Obwohl wir beide als leidenschaftliche Kommunalpolitiker stets mit einem Bein und in Gedanken in Rödermark stehen und die Geschehnisse in unserer Stadt aufmerksam verfolgen, muss auch eine Entspannungsphase möglich sein. Wichtig bei Ehrenamtlern ist schließlich auch, dass immer ausreichend Ressourcen für den Hauptberuf und die Familie vorhanden sind. Ich habe mir im Juni eine vierwöchige Auszeit genommen, und Stefan Gerl wird sich’s am Ende der Ferien in Südtirol gut gehen lassen.

S.G.: Kommunalpolitik und Ehrenamt müssen in erster Linie Spaß machen. Was das angeht, fühlen wir uns beide bei der AL sehr gut aufgehoben

Affären: Diese Politiker sind NICHT zurückgetreten!

Quelle: op-online.de

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