Betrüger belastet Kfz-Gutachter und Anwälte

Viele haben an Unfällen verdient

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Rödermark/Darmstadt - Sechs Kripobeamte als Leibwächter, Panzerglas, ein polnischer Pate im Hintergrund, Verbindungen zu Rockern und Kampfsportlern: Hinter dem Betrugsprozess gegen einen 29-Jährigen aus Rödermark steckt offenbar mehr als die 17 fingierten Autounfälle, die ihm der Staatsanwalt vorwirft. Von Michael Löw

Doch schon die deuten auf ein Netzwerk mit immenser krimineller Energie hin. „Kann man was mit dem Auto machen?“ Diese an und für sich unverdächtige Frage leitete zwischen April 2008 und Februar 2014 insgesamt 17 krumme Geschäfte mit Unfällen ein. Der 29-Jährige steht deshalb vor dem Landgericht Darmstadt. Laut Anklage hat er mit anderen Autobesitzern, Werkstätten und Gutachtern bei manipulierten Unfällen kräftig abgesahnt - banden- und gewerbsmäßig heißt das im Juristendeutsch.

Am zweiten Prozesstag packte der 29-Jährige aus und beschrieb seine Rolle bei jedem einzelnen Unfall. Den ersten inszenierten er und ein Komplize am 3. April 2008 am Ortsrand von Ober-Roden. Der Angeklagte stand mit seinem Siebener-BMW vor einer Ampel, da fuhr der Komplize von hinten auf: „Das hatten wir so abgesprochen.“ Der Betrug kostete die Versicherungen mehr als 12.000 Euro:  1825 Euro für tatsächliche Schäden an städtischen Leitplanken und 10.800 Euro angeblicher Schaden am Auto. Das Unfallgutachten hatte ein Kfz-Sachverständiger erstellt, den der Angeklagte nicht nur dieses eine Mal schwer belastete: „Der wusste, um was es geht. Und wir wussten, wenn der kommt, holt er das Maximum raus!“ Die Billig-Reparatur übernahm eine Werkstatt in Urberach. Die Bande machte knapp 6000 Euro Gewinn.

Ganzes Repertoire offenbart

Der Angeklagte offenbarte das ganze Repertoire der Unfall-Gangster. Im Februar 2009 krachte auf einer abgelegenen polnischen Landstraße ein alter Renault in seinen BMW. Der „Schuldige“ bekam 1500 Euro, der Rödermärker die gefälschte Historie eines Unfalls, der sich einer belebten Innenstadt abspielte - das von einer vereidigten Dolmetscherin übersetzte Schuldeingeständnis des Renault-Fahrer inklusive. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Tatorte - echte wie falsche - waren Hauptstraßen in Ober-Roden und Obertshausen, Parkplätze in Dietzenbach und Nidda, sogar der Hof einer Spedition musste für die krummen Geschäfte herhalten. Recht illuster lesen sich die Autos der Geschädigten: Porsche Boxter (in den USA vor der Schrottpresse gerettet), Mercedes 500 CL (zu 20 Prozent Zinsen für 25.000 Euro in Polen gekauft), weitere Fahrzeuge mit dem Stern. Der Angeklagte lieh sich sogar den Mercedes seiner Mutter aus, während die Eltern im Urlaub waren. Bevor die wieder daheim ankamen, ließ er die Dellen beseitigen.

In der Regel zahlten die Versicherungen. Taten sie es nicht, verbuchten der Angeklagte und seine Komplizen das als Verlustgeschäft, um Nachforschungen zu vermeiden. Einmal wurde eine Versicherung stutzig, weil bei einem Unfall in der Wetterau zuviele Bekannte im Spiel waren und die Pizzeria, bei dem der Geschädigte angeblich sein Abendessen holen wollte, zu diesem Zeitpunkt den Ofen noch nicht angeheizt hatte. Aber hier riskierte die Bande den Prozess und erhielt ihr Geld. Richter Thomas Hanke fragte nach der Rolle der Rechtsanwälte und bekam diverse Verflechtungen zu hören. Mit einer Frankfurter Anwältin habe er offen über die manipulierten Unfälle gesprochen, redete der Angeklagte Klartext. Ähnlich belastend war seine Einschätzung einer Wiesbadener Kanzlei. In einer weiteren Kanzlei wurde „immer wieder geschmunzelt“, wenn er kam. Doch nachgefragt habe niemand. Schließlich hätten sich die Gebühren an der Schadenshöhe orientiert: „Das war immer ein schöner Obolus.“

Kuriose Unfälle in der Region

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Auch die Gutachter rechnen den Versicherungen gegenüber nach Schadenssumme ab, 10 bis 15 Prozent sind"s laut Angeklagtem. Mehrere Sachverständige hätten kräftig mitverdient, fingierte Unfälle sind ein lukratives Geschäft. Die vom Angeklagten belasteten Gutachter hätten auch „diverse andere Gruppen als Kunden“ gehabt. Der 29-Jährige bot sich der Polizei als Kronzeuge an. Die Beamten seien ziemlich perplex gewesen, als er aus einem Berg von Unfallakten 250 Verdachtsfälle gefunden hatte. Schadensbild und Beteiligte zeigten: Die Sache stinkt.

Die Unfall-Trickser fühlen sich aber sicher, weil sie die Autos nach der Reparatur schnell und gelegentlich mehrfach weiterverkaufen. Hankes Schlussfolgerung Richtung Staatsanwalt: „Wenn Sie nicht jemand aus der Mitte haben, der singt, wird"s schwer.“ Ein Satz, der die sechs Leibwächter und die Verhandlung im Hochsicherheitssaal des Landgerichts Darmstadt erklärt.

Quelle: op-online.de

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