Fahrtkostengeld für behinderten Jungen

Streit um zwei Kilometer Schulweg

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Wie viele andere Erstklässler auch muss Cinar Cetin während der Herbstferien daheim lernen. Seine Mutter macht sich Sorgen, wie der Junge ab November wieder in die Schule im Breidert kommt. Mehr als 35 Cent Zuschuss pro Kilometer will der Kreis für eine Behindertenfahrt nicht zahlen.

Ober-Roden - Cinar Cetin ist von Geburt an körperlich und geistig behindert. Trotzdem besucht er seit 9. September die erste Klasse der Trinkbornschule, er ist eines von zwei Inklusionskindern im Breidert. Von Michael Löw 

Und genauso lange hängen seine Eltern in der Schwebe, denn sie wissen nicht, wie ihr Sohn von der Dockendorffstraße in die Schule kommt. Der Kreis will keinen Fahrdienst für knapp zwei Kilometer Strecke organisieren.

Behinderte und nicht behinderte Kinder sollen gemeinsam lernen. Inklusion heißt das, doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen zumindest bei der Familie Cetin Welten. Die Betreuung ihres Sohnes Cinar in der Klasse 1f funktioniert. Teilhabeassisten unterstützen Lehrerin Gabriele Lauer bei der Arbeit. Knackpunkt ist jedoch der rund zwei Kilometer lange Weg von der Wohnung in der Dockendorffstraße zur Schuldependance im Breidert. „Wir müssen beide morgens um sieben Uhr zur Arbeit in Dietzenbach sein“, erklärt Özlem Cetin, warum das Taxi Mama oder Papa für ihren Sohn keine Alternative ist. Seit Beginn des Schuljahres kämpft sie um den Schultransport - bisher vergebens.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Die Familie besichtigte mehrere Schulen und beschloss: Cinar soll die Regel- und nicht die Lernhilfeschule besuchen. Auch die Frühförderstelle bestätigte, dass Inklusion in einer regulären Grundschule die beste Lösung für das Kind ist. Um den Fahrdienst hatte sich Özlem Cetin schon im Sommer gekümmert, als ihr Sohn noch den Kindergarten Potsdamer Straße besuchte. „Ich hatte eine mündliche Zusage“, hielt sie die Sache für erledigt.

Ironisches Gegenangebot einer frustrierten Mutter

Um so größer war der Schreck, als der Kreis ihr mitteilte, dass es in der Breidert-Grundschule nicht genügend Kinder gebe, die den Einsatz eines Busses rechtfertigen. Das Alternativangebot: Wir ersetzen Ihnen die Beförderungskosten nach dem Hessischen Reisekostengesetz - das sind 35 Cent pro Kilometer. „Ich gebe Ihnen die 70 Cent und Sie fahren mein Kind“, macht die frustrierte Mutter dem Kreis ein ironisches Gegenangebot.

Cinar kam in seinen ersten sechs Schulwochen nur deshalb zum Unterricht, weil Freiwillige einen Fahrdienst organisiert hatten. Birgit Geyer, die Leiterin der Kita Potsdamer Straße, hat ihre Erzieherinnen motiviert: Abwechselnd holten sie den Jungen in der Dockendorffstraße ab und brachten ihn zur Schule. Ein Service, für den die Mutter unendlich dankbar ist.

Sie hat nicht einmal sonderlich hohe Ansprüche: „Ein ganz normales Taxi würde reichen.“ Die Übernahme dieser Kosten wäre nach Ansicht von Dr. Dorothea Terpitz vom Elternverein IGEL (Initiative Gemeinsam lernen) eine Möglichkeit. Dazu müsse der Kreis den Antrag der Familie Cetin nicht erst umständlich prüfen. Denn ihm lägen alle Unterlagen vor: Zum einen habe der Kreis der Familie die so genannte Teilhabeassistenz - also pädagogisch ausgebildete Integrationshelfer in der Schule - problemlos bewilligt. Zum andern hat das Hessische Versorgungsamt vor fast genau einem Jahr bestätigt, dass Cinar Cetin unter Störungen der körperlichen und geistigen Entwicklung sowie unter chronischen Bauchkrankheiten leidet. Für die IGEL-Vorsitzende kann das nur heißen: Der Kreis muss das Taxi zahlen.

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Das sieht Pressesprecherin Kordula Egenolf naturgemäß anders. Sie Sachlage habe sich nach dem letzten Bescheid - kein Bus, aber 35 Cent Erstattung pro Kilometer Privat-Pkw - nicht geändert. Der Antrag der Familie auf zusätzliche Leistungen werde noch geprüft.

Unsere Zeitung hat Bürgermeister Roland Kern gefragt, ob die Stadt zum Beispiel über die „Stiftung Rödermark“ vorübergehend unbürokratisch helfen kann. „Wenn für einen Fahrdienst (mit privaten Autos, Anmerkung der Redaktion) weitere Mittel erforderlich sind, kann grundsätzlich die Stiftung Rödermark behilflich sein. Die Einzelheiten werde ich gerne mit den Eltern erörtern“, erklärte das Stadtoberhaupt gestern.

Quelle: op-online.de

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