Gesundes muss nicht fad sein

Diabetiker kochen mit Maß, aber auch mit Genuss

Urberach - Diabetes bedeutet nach allgemeiner Auffassung Verzicht auf die guten Dinge des Lebens. Gegen dieses Vorurteil kocht die Rödermärker Diabetiker-Selbsthilfegruppe einmal im Jahr an und beweist: Gesund und lecker sind Eigenschaften, die sich bestens vertragen. Von Michael Löw

Urberach Diabetes bedeutet nach allgemeiner Auffassung Verzicht auf die guten Dinge des Lebens. Gegen dieses Vorurteil kocht die Rödermärker Diabetiker-Selbsthilfegruppe einmal im Jahr an und beweist: Gesund und lecker sind Eigenschaften, die sich bestens vertragen. Ein Freibrief für Schweinshaxe, Sahnetorte & Co. ist der Kochabend aber keineswegs. Die Küchenschränke im evangelischen Gemeindehaus Urberach sind mit Rezepten zugeklebt. Feldsalat mit Orangenstückchen, Kürbissuppe, gefüllte Hähnchenbrust und Ratatouille, Hessen-Tiramisu - klingt alles nach einem jener modischen Kochkurse, die unter Schlagworten saisonal und regional wie Pilze aus dem herbstlichen Waldboden schießen. Nur wer genau hinschaut, vermisst in den Zutatenlisten Nudeln, Reis oder Zucker. Denn hier ist die Rödermärker Diabetiker-Selbsthilfegruppe zu Gange.

„Wer als Diabetiker abends ein Schnitzel mit Pommes verdrückt, versaut sich über Nacht den Blutzuckerwert“, steckt ihr Sprecher Hans-Peter Förster die Grenzen des Schlemmens ab. Essen mit wenig Kohlehydraten ist angesagt, denn danach geht man mit einem guten Wert ins Bett und steigt morgens mit einem guten Wert wieder aus dem Bett. 15 Frauen und Männer mit „Zucker“ - wie Diabetes umgangssprachlich heißt - schälen, schnippeln, zupfen, füllen und brutzeln an diesem Abend unter der Regie von Diätassistentin Ramona Stolz (22). Alfred Röder vom Männerkochclub der Petrusgemeinde betreut die Gäste. Schließlich kennt er laut Förster jedes Schüsselchen und jedes Dippsche im Haus.

Vielseitig und vielfältig wird das gemeinsame Menü, vielseitig und vielfältig soll die Küche von Diabetikern das ganze Jahr über sein. Trotz der Krankheit gilt: Das rechte Maß beim Essen und Trinken ist besser als rigorose Selbstkasteiung. Natürlich gibt Ramona Stolz ihren Mitköchen ein paar Regeln mit in die Küche. Messer und Gabel weg von schlechten Fetten, die in der Schweinshaxe stecken. Den Löffel raus aus dem Honig, „denn der ist genau so schlecht wie Zucker“. Die Gleichung „bio = gesund“ geht in diesem Fall also nicht auf. Zum Süßen bleiben künstlicher Süßstoff oder Stevia, ein pflanzliches Ersatzprodukt. Aber beides ist mit der gebotenen Vorsicht zu verwenden, empfiehlt die Fachfrau.

Natürlich kommt auch am Herd das Gespräch unweigerlich auf die verschiedenen Formen von Diabetes und ihre Konsequenzen für den Alltag. Die schwanken beträchtlich, erfährt Hans-Peter Förster immer wieder am eigenen Leib: „Manchmal habe ich den Zucker im Griff, und manchmal hat der Zucker mich im Griff!“ Eine vernünftige Ernährung hilft, die Krankheit einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Bewegung spielt eine ähnlich wichtige Rolle. Deshalb treffen sich die Mitglieder der Rödermärker Selbsthilfegruppe jeden Mittwoch um 10 Uhr am Viktoria-Sportplatz zum Walken. Bernd Kuschewski marschiert vorneweg. Bei manchen Diabetikern reicht schon diese Sporteinheit, um den den Blutzuckerwert in Ordnung zu halten. Die regelmäßige Kontrolle der Werte ist ohnehin Pflicht.

Wenig Zucker und Fett: Eis-Kreationen mit wenig Kalorien

Beim Kochen und Essen im evangelischen Gemeindehaus wird viel gelacht. Förster und seine Mitstreiter haben sich von Anfang an darauf geeinigt, „nicht über die Krankheit, sondern über das Leben zu reden“. Das ist ihre Form von Stressbewältigung. Denn Stress - und weder ein ungesunder Lebenswandel noch erbliche Anlagen - war der Grund, warum Hans-Peter Förster zum Diabetiker wurde. Und wie halten’s Diabetiker mit Süßem? Schließlich ist in knapp zwei Monaten Weihnachten. „Ein bisschen ist immer erlaubt“, lächelt Ramona Stolz verschmitzt und demonstriert die Menge mit Daumen und Zeigefinger. In den Zwischenraum passen immerhin eine Schokomakrone oder zwei Nougatplätzchen.

Quelle: op-online.de

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