Diskussionen über Dreieich- und S-Bahn

Neue Züge warten auf TÜV-Segen

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Heilsbringer oder teurer Flop? An den neuen Zügen, die ab Sommer 2016 auf der Dreieichbahn fahren, scheiden sich die Geister.  

Rödermark - Hier Mega-Investitionen in neue Züge, dort Riesenfrust über ständige Verspätungen. Bei einer Podiumsdiskussion der SPD zwischen Managern des öffentlichen Personennahverkehrs und ihren Kunden prallten Anspruch und Wirklichkeit aufeinander. Von Michael Löw 

Was dürfen die Rödermärker in den nächsten Jahren von Dreieich- und S-Bahn erwarten? Oder soll man fragen: Was müssen sie erwarten? Die SPD hatte Andreas Maatz, Geschäftsführer der Kreisverkehrsgesellschaft (kvg), Thomas Busch, Chefplaner des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), Nils Tobias Bechthold und Tillmann Peter vom Netzmanagement der Deutschen Bahn sowie Sven Heydecke von der Nutzerinitiative Dreieichbahn ins „SchillerHaus“ eingeladen. Fraktionsvorsitzender Armin Lauer moderierte die Gesprächsrunde,

Heilsbringer oder teurer Flop? An den neuen Zügen, die ab Sommer 2016 auf der Dreieichbahn fahren, scheiden sich die Geister.  

Busch und Bechthold beeindruckten das überschaubare, aber kritische Publikum mit Zahlen: Der RMV befördert jährlich 720 Millionen Fahrgäste, die Bahn hat 600 Millionen Euro in 91 neue Züge investiert. Das ist nach Ansicht von Sven Heydecke aber der falsche Ansatz, die Leute zum Umsteigen zu bewegen. „Nicht bei jeder Ausschreibung sind auch neue Züge nötig. Die halten durchaus 30 bis 50 Jahre und müssen nicht nach 12 Jahren ausgetauscht werden“, sagte er. Zumal die neuen Züge eines polnischen Herstellers, die ab Sommer 2016 auf der Dreieichbahn fahren sollen, momentan noch keine Zulassung des Eisenbahnbundesamtes - dem TÜV für Züge - hätten. Bechthold konterte mit den Vorzügen, die den Passagieren zugute kommen: Klimaanlage, barrierefreier Einstieg, Videoüberwachung und Zugbegleiter für die Sicherheit. Die Zulassungsprobleme sind seiner Ansicht nach bis 2016 behoben.

Ein anderer Takt

RMV-Manager Busch machte noch einmal deutlich, dass die Dreieichbahn dann nach einem anderen Takt verkehrt. Morgens fährt jede Stunde ein Zug, der derzeit in Buchschlag endet, bis zum Frankfurter Hauptbahnhof durch. Zwischen 9 und 12 Uhr will der RMV die Züge nicht mehr alle 30, sondern nur noch alle 60 Minuten auf die Reise schicken. Buschs Argument: Leere Züge kosten Geld, das dem RMV an anderer Stelle fehlt.

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Die drei durchgehenden Züge sind für Busch auch ein Rezept gegen die knappen Umsteigezeiten in Buchschlag. „Es gibt auf der Dreieichbahn nicht einen, sondern drei neuralgische Punkte: Buchschlag, Ober-Roden und Dieburg“, empörte sich prompt Anke Rüger. Wer dort umsteige verpasse in 40 Prozent aller Fälle seinen Anschluss. Das hochgelobte Fahrgastinformationssystem müsse um den Text „Wie schön, dass Sie so leidensfähig sind und noch immer mit uns fahren!“ ergänzt werden.

Wer seinen Zug vormittags um wenige Minuten verpasse - zum Beispiel wenn ein Arzttermin etwas länger dauere - müsse ab dem nächsten Jahr knapp zwei Stunden warten, klagte ein Dreieichbahn-Kunde aus Dreieich. Nahverkehrs-Lobbyist Heydecke befürchtet, dass System hinter dem Stunden-Takt steckt. Wer zwei Mal nur die Rücklichter seines Zuges sieht, fährt das nächste Mal mit dem Auto. „Schleichende Ausdünnung“ heiße das und liefere dem RMV weitere Gründe, mangels Auslastung noch mehr Verbindungen zu kürzen.

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Mehrere Zuhörer vermissten Zahlen. Ein Mann hätte gern gewusst, wie viel Euro der RMV durch den geänderten Takt spart. Kurt Krummholz fragte ebenso vergebens nach dem Fahrgastaufkommen zwischen Dieburg und Buchschlag. Bahn, RMV und kvg bezogen aber nicht nur Prügel für die „neue“ Dreieichbahn. Willi Böllert, ein ehrenamtlicher Mobilitätsberater für Senioren, lobte, dass die polnischen Züge mit einer rollstuhltauglichen Toilette ausgerüstet werden. Was man von der S 1 nicht sagen könne...

Dass diese S-Bahn, die täglich rund 23.500 Menschen befördert, alles andere als pünktlich ist, gestanden auch die Nahverkehrsmanager ein. Bauarbeiten entlang der Strecke - derzeit im Bahnhof Höchst, ab Sommer vier Wochen lang im Frankfurter Haupttunnel -, Einflüsse von Fern- und Güterverkehr, Abstimmungsprobleme mit den neuen Zügen, die berühmt-berüchtigte und inzwischen teilweise abgeschaltete Ruftaste für Behinderte seinen schuld daran, listeten Busch, Bechthold und Maatz auf. Was Kundin Rüger nur den bissigen Kommentar entlockte: „Seit Sommer kommt die S 1 doch nur noch, wenn sie will!“

Holzfällarbeiten an der Dreieichbahn (Archiv)

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Quelle: op-online.de

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