Ball-Arbeiter mit Bodenhaftung

Drittliga-Torwart spricht mit Schülern über einen Traumberuf

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Ober-Roden - Traumjob Fußballprofi? Da denken Jugendliche sofort an die zweistelligen Millionengehälter der Bundesligastars und deren Glamourwelt. Doch schon zwei Klassen tiefer ist Fußball Arbeit ohne Glitzerfaktor. Von Christine Ziesecke 

Egal, ob Gipsarm oder Kickschuh: SVW-Torwart Markus Kolke signierte an der NBS so ziemlich alles, was die Farbe seines Filzstiftes annahm. 

Markus Kolke vom SV Wehen Wiesbaden räumte an der Nell-Breuning-Schule einige Illusionen zur Seite. Fußball ist eine ihrer Leidenschaften; sie sitzen oft im Stadion, reden viel über Fußball und haben ihre Favoriten: Nina Till, Berufswege-Begleiterin an der Nell-Breuning-Schule (NBS), ist ebenso wie Lehrer Stefan Mohr großer Fan des SV Wehen Wiesbaden. Denn ihr Vater Manfred ist Spielerberater unter anderem von Torwart Markus Kolke. Ihre Bitte, den Schülern doch einmal einen Einblick in das Leben eines Profifußballers zu geben, wurde gerne erfüllt.

In der 3. Liga wird Profifußball gespielt, auch wenn hier sicher keine goldenen Wasserhähne mehr verdient werden. Lohnt es sich dennoch, diesen zeitlich sehr begrenzten Beruf auszuüben? Zur Antwort bereit stand Torwart Markus Kolke, geboren 18. August 1990 in Erlenbach, 1,87 Meter groß und 85 Kilo schwer. Sein derzeitiger Marktwert: 275.000 Euro. Mit seiner Frau und seinem Berater war er an der NBS zu Gast.

Markus Kolke antwortet nicht spontan auf diese Frage; er denkt gründlich nach, doch für ihn gibt es keinen Zweifel: „Ja. Schließlich gibt es nichts Schöneres als sein Hobby zu seinem Beruf machen zu dürfen!“ Fußball ist Markus Kolkes Leidenschaft seit seinem vierten Lebensjahr: zuerst in seinem Heimatort bei Klingenberg im Verein, dann in der Jugend von Viktoria Aschaffenburg. Mit 19 kickt er ein Jahr bei der zweiten Mannschaft von Eintracht Frankfurt, dann wechselt er zu Waldhof Mannheim. Mittlerweile spielt er seine vierte Saison bei Wehen Wiesbaden. Das ist sicher keine Traumkarriere; es sind keine großen Gehälter - die tatsächlichen Zahlen behalten die Sportler für sich - doch es reicht zum Leben. Markus Kolke ist verheiratet, seine Frau studiert.

Und Fußball ist immer noch sein Hobby. Nach wenigen Verletzungen sind seine Knochen noch immer in Ordnung. Doch er weiß, dass er in gut zehn Jahren spätestens wohl nicht mehr als Profifußballer auf dem Platz stehen kann. Sein Abitur hat er in der Tasche, das war für ihn Grundvoraussetzung. Sonst hätte er nicht mit dem Profisport angefangen. Ein Jahr lang hat er versucht an der Uni regulär zu studieren. Doch zwei Mal täglich Training - um 10 und um 15 Uhr - machte normalen Unibetrieb unmöglich. So betreibt Kolke seit einem Jahr ein Fernstudium in den Fächern Soziologie und Politikwissenschaft, „und das geht recht gut.“

Die Kinder der Klasse 5c, vor denen er über sein Leben sprach, wollten dagegen ganz andere Sachen wissen: „Wie wohnst du denn?“ und „Was fährst du denn für ein Auto?“ Der VW-Golf enttäuschte sie etwas, hatten sie doch Großartigeres erwartet. Aber sie waren bestens vorbereitet, hatte Plakate und ausgedruckte Fotos des Torwarts dabei für ein Autogramm. T-Shirts wurden beschriftet und Gipsarme, und so mancher Sportschuh spontan ausgezogen und zur Unterschrift hingehalten. Vor allem die Fußballer in der Kasse, überwiegend beim FC Viktoria Urberach zuhause, hatten großes Interesse und „liehen“ dem Profi beim abschließenden Völkerballturnier schon mal würdevoll ihre Torwarthandschuhe.

Hier fiel auch der letzte Rest Zurückhaltung, hier wollte jede und jeder mal von Markus Kolke beachtet werden. Der wiederum mit Spaß, aber sehr überlegt und unaufgeregt seinen Sport und damit seinen Beruf vertrat. Er weckte keine falschen Hoffnungen über seinen Berufstraum in den Kindern, überzeugte statt dessen mit seinem Lebensweg und vor allem mit seiner deutlich spürbaren Liebe zum Hobby Fußball. So macht „Lernen fürs Leben“ in der Schule Spaß.

Quelle: op-online.de

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