Elternwut trifft streikende Erzieherinnen

Die Stimmung ist am Kippen

+
Dieser Andrang drückte selbst die Gewerkschaftsrednerinnen an den Rand. Die streikenden Erzieherinnen hatten Eltern ins Familienzentrum Liebigstraße eingeladen, um mit ihnen den Dialog zu suchen und bekamen deren Frust zu spüren.

Urberach - „Unseren Kindern bringt ihr bei, dass Konflikte durch Reden gelöst werden. Und ihr selbst tut nichts dergleichen!“ So lautete der schwerwiegendste Vorwurf, der im Familienzentrum Liebigstraße zwei Stunden lang im Raum stand. Von Christine Ziesecke 

Hierhin hatten die streikenden Erzieherinnen eingeladen, um von ihrem Arbeitskampf zu berichten, um ihre Ziele vorzustellen und um mit den Eltern in den Dialog zu treten. Doch statt Verständnis und gemeinsamer Planung gab’s verbale Prügel von den Eltern, die in der vierten Streikwoche endlich die Chance hatten, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Entsprechend voll war das Familienzentrum. Damit hatten die Erzieherinnen nicht gerechnet - 30 Kopien ihrer Forderungen für weit über 100 betroffene Eltern waren rasch vergriffen.

Anna Lena Styra vom Familienzentrum Liebigstraße, seit fünf Jahren im Beruf, fasste die Aktionen der Streikenden zusammen. Unterstützung bekam sie von Rosi Haus, der Verdi-Geschäftsführerin im Bezirk Frankfurt. Die höhere Anerkennung des Berufsstandes und die Höhergruppierung der Löhne in die Besoldungsklasse S 10 waren eng verbunden, wie auch Sabine Nonnenmacher vom Familienzentrum Motzenbruch erläuterte: „Es geht nicht nur um mich, um uns, sondern um ‚das Größere’, es geht um die Aufwertung des Berufs der Erzieherin und des Erziehers.“ Dass sie weiter streiken müssen, da kein diskutables Angebot der Arbeitgeber auf dem Verhandlungstisch liege, betonte Anna Lena Styra: „Ich kann mir nicht vorstellen, unter diesen Umständen bis zur Rente zu arbeiten. Ich fordere ein Umdenken in den Köpfen, sonst sehe ich schwarz für diese Gesellschaft. Ich möchte nicht weiter der Fußabtreter der Wirtschaft bleiben. Wir müssen weiter streiken, der Druck ist noch nicht groß genug. Dazu brauchen wir die Unterstützung der Eltern.“

Demo: 15.000 Menschen protestieren in Frankfurt

Doch die bröckelt, schlägt vielleicht sogar ins Gegenteil um. Als Erste fasste Carola Auth die geballlte Wut und die Vorwürfe der Eltern in Worte. Diese Veranstaltung nach über drei Wochen Streik und bei mangelhafter Information komme viel zu spät. Vor allem aber - und hier traf sie den Nerv aller Eltern: „Es geht immer um Aufwertung! Das kann ich nicht mehr hören! Andere Arbeitsbedingungen und andere Betreuungsschlüssel oder ähnlich Konkretes würde ich verstehen, aber so, wie Verdi es fordert, geht es immer nur ums Geld!“ Tosender Beifall unterstrich die Zustimmung. Die Stadt stehe durch die vorweggenommene Höhergruppierung (von S 6 auf S 8), die teilweise wieder zurückgenommen werden musste, ohnehin hinter dem Berufsstand.

Der größte Widerspruch regte sich bei den inzwischen teilweise schon auf dem Zahnfleisch gehenden Eltern bei der Aussage, es läge kein Angebot auf dem Tisch: Das sei unzutreffend, da das erste sehr minimale Angebot für Personal mit Zusatzqualifikationen sehr wohl noch zur Verhandlung stehe und deshalb doch zumindest ein Einstieg in die Gespräche möglich wäre. „Ihr bringt unseren Kindern bei: man redet miteinander, man spricht über alles - warum tut ihr das nicht?“ fragte Elternbeirätin Wiebke Paulus aus der Zwickauer Straße nach. „Die Fronten stehen Rücken an Rücken und reden nicht!“

Unbefristeter Kita-Streik hat begonnen

Bereitschaft zum zusätzlichen Engagement seitens der stark belasteten Eltern sei nur vorstellbar, wenn es um zukunftsweisende Fragen von Gruppenzahlen und ähnlichem und nicht nur um höhere Vergütung ginge, die allein jedoch in Tarifverträgen geregelt werden könne. „So aber herrscht bei den meisten von uns Eltern völliges Unverständnis über diesen Streik, unter dem vor allem unsere Kinder leiden“, kritisierte eine Mutter. Nach gut zwei Stunden, als sich die Aussagen beider Seiten nur noch im Kreis drehten und Konsens nicht einmal am Horizont erkennbar war, wurde die Veranstaltung beendet, mit der Bitte der Erzieher an die Eltern, mit Briefen und Mails doch Druck bei Kommune, Kreis und Arbeitgeberverband zu machen. Kontakte dafür haben die Streikenden parat. Doch die Eltern standen noch lange zusammen und diskutierten.

Quelle: op-online.de

Kommentare