Schönheit ist viel wichtiger als Politik

Kreative Nummern prägen Rathaussturm

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Auch wenn man’s vielleicht nicht (mehr) von ihnen erwartet: die Altherren-Abteilung der TG und ihre Frauen sorgten beim Ober-Röder Rathaussturm für einen wahren Babyboom.

Ober-Roden - Heutzutage überlegt der Bürger selbst in närrischer Zeit, was bei Fastnachtsveranstaltungen wie dem Ober-Röder Rathaussturm wohl alles schief gehen kann. Doch spätestens als die gut 1 200 Narren an der TS-Halle aufbrachen, waren alle trüben Gedanken vergessen. Von Christine Ziesecke 

Milde Nachsicht und großzügige Vergebung ließen Prinzessin Carolin I. und Prinz Christian I. mit dem in Ketten aus dem Rathaus gebrachten Stadtobersten Roland Kern walten.

Der Rathaussturm am Fastnachtssamstag war einmal mehr eine runde Sache. Vom Himmel strahlte gewohnt owwerräirerisch die Sonne mit frühlingshaften Temperaturen herab, und alles andere brachte Moderator André Pradl auf der Bühne vor dem geschmückten Rathaus auf den Punkt: Städte wie Dresden mit ihren Pegida-Umzügen sollen sich mal Rödermark als Vorbild nehmen. Hier ziehen nur friedvolle, fröhliche Menschen durch die Straßen und haben ihren Spaß! Nicht einmal die in diesem Jahr allesamt zur Verteidigung ihres Stadtoberhauptes ins Rathaus eingeladenen Stadtverordneten nahmen ihre kämpferische Aufgabe wahr. Die Politiker kamen zu Hauf, aber griffen keineswegs ins Geschehen ein, als die Prinzliche Hofgarde unter Leitung von Peter Müller im Auftrag des närrischen Volkes den Rathauschef in Ketten legte und durch die Menschenmassen hinaus an den Pranger zerrte. Doch dort wurde Roland Kern von ihrer Lieblichkeit mit einem Küsschen und mit einer Konfettisalve aus seiner Gefangenschaft befreit, ganz gemäß dem Motto des Rathaussturms „Mer sinn bessär als wie die annärn….“

Zuvor aber hatte sich ein weit über 1 200 Fastnachter starker Lindwurm durch den Ortskern geschlängelt, begleitet von den örtlichen Musikvereinen und taktisch klug ausgebremst vom Bahnübergang. Denn so hatten die Teilnehmer Zeit für ein Selfie, für einen kurzen Knutscher am Straßenrand oder fürs Einholen von Nachschub – zumeist süßes Wurfmaterial, gelegentlich auch Getränke mit und ohne Alkohol. 35 Zugnummern standen im Plan, darunter mehrere Kindergärten, die zunehmend Spaß an diesem gemeinschaftlichen Feiern haben. Als UNO-Karten gingen kleine und große Narren der Kita St. Nazarius, als Fische im Meer die Jüngsten vom Kinderhaus unter dem Regenbogen, als blau-gelbe Minions die aus der Potsdamer Straße, als kesse Bienchen der Zwickauer-Straßen-Nachwuchs oder aber – hochaktuell – als lebendige Baustelle, was der Kita Motzenbruch auch in Kürze bevorsteht.

Wer spielt nicht gerne UNO? Die Kita St. Nazarius verband dies mit dem närrischen Slogan: „Fastnacht feiern ist wie ein Spiel.“

In Sachen Kommunalpolitik war’s diesmal ausnehmend ruhig, und auch die große Politik blieb verschont. Die Menschen vor Ort hatten das sanierungsbedürftige Dach der Nazarius-Kirche mit Ortskern-Dollars gedeckt, und die Kolpingsfamilie bietet Rödermark für die Olympischen Winterspiele 2026 an, doch allgemein herrschte recht augenscheinliche Zurückhaltung. Da hatten die Zugteilnehmer weit mehr Wert auf Originalität und auf Schönheit und Eindruck gelegt als auf brisante Aussagen. Sehr hübsche Beispiele waren etwa die Spieluhren, als welche die TG-Fastnachtsfrauen – ganz klassisch mit der Aufziehschraube am Rand – sich puppenhaft durch die Straßen drehten. Oder die riesige Abteilung der TG-Altherren-Fußballer, die sich ziemlich spontan bei einem gemeinsamen Besuch in einem Fastnachts-Shop zum „Baby-Boom“ mit einem riesigen Stubenwagen und unendlich vielen blassblauen und zartrosa Babys hatten hinreißen lassen.

Bilder: Rathaussturm in Ober-Roden

Wie immer war am Rathaus aber noch lange nicht Schluss. Nach der Freilassung des Bürgermeisters verteilten sich viele der ungezählten Teilnehmer und Besucher auf die Lokalitäten und eigens dafür geöffneten Straßenwirtschaften wie etwa im „Dinjerhof“ oder beim TCO-Stand, wo man mit Bratwurst weiterfeiern und mit Fischbrötchen gleich seinem Kater vorbeugen konnte.

Quelle: op-online.de

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