Überforderung der Ehrenamtler

Flüchtlingsprozession zur Kirche

+
Flüchtlingsarbeit der neunziger Jahre: Sabine Jaeger vermittelte Deutsch mit Katalogbildern, schlug sich mit Behörden herum und freut sich über Glückwunschkarten, die sie heute noch erhält.

Ober-Roden - Deutschland war Anfang der neunziger Jahre schon einmal das gelobte Land für mehrere hunderttausend Flüchtlinge. Damals vertrieben unter anderem Kriege in Bosnien und in Afghanistan die Menschen aus ihrer Heimat. Von Michael Löw 

Dutzende fanden in Rödermark eine vorläufige Bleibe. Sabine Jaeger kämpfte für sie gegen Behördenwillkür und Mietwucherer und macht den ehrenamtlichen Betreuern von heute Mut: „Bleibt dran, lasst Euch nicht entmutigen!“. Anfangs Begrüßung durch städtische Würdenträger, später Abschiebeaktionen in aller Herrgottsfrühe: Sabine Jaeger hat so ziemlich alles miterlebt, was Flüchtlingen überwiegend aus dem Balkan, aber auch aus Afghanistan, dem Iran und der Türkei widerfahren ist. Die evangelische Kirchengemeinde Ober-Roden hatte 1990 über ihre Zeitung „Gockel“ nach Freiwilligen gesucht, die in Rödermark angekommene Asylbewerber betreuten. Sabine Jaeger war eine von 30 Frauen und Männern, die sich auf den Aufruf meldeten. „Die Familien wurden uns nach den Anfangsbuchstaben ihres Namens zugeteilt“, beschreibt sie nach 25 Jahren die hemdsärmelige Bürokratie.

Das Wort der heute so viel bemühten Willkommenskultur existierte Anfang der Neunziger noch nicht. Aber das, was die ehrenamtlichen Helfer taten, kam der Sache ziemlich nahe. Sie haben Kleidung, Haushaltswaren und Möbel gesammelt, Nachhilfe in Deutsch organisiert und Wohnungen vermittelt. Beim damaligen Ersten Stadtrat Alfons Maurer hat Sabine Jaeger freien Eintritt für zehn bosnische Kinder ins Hallenbad und die Teilnahme an städtischen Ferienaktionen erbettelt. Das war die einfache Seite der Flüchtlingsarbeit. Sabine Jaeger kennt aber auch die andere Seite. Im ehemaligen Hotel „Quo vadis“ in Ober-Roden hausten mehr als 50 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Religionen und Kulturen. Sabine Jaeger sah Ratten und Mäuse durch die Gänge laufen. Während die Offiziellen von der Flüchtlingshilfe Anträge stellten, bestellte sie den Kammerjäger. Damit der ungestört arbeiten konnte, musste die Sammelunterkunft geräumt werden.

Alles zum Thema Flüchtlinge in der Region lesen Sie auf der Themenseite

Sabine Jaeger hat das Bild auch nach Jahrzehnten noch vor Augen: „Die Babys und Kleinkinder packte ich ins Auto und brachte sie in zwei Fuhren zum evangelischen Gemeindehaus. Danach marschierten Jugendliche und Erwachsene hinter meinem Auto her zum Gemeindehaus.“ Freunde hat sie sich mit solchen Aktionen nicht immer gemacht. Betreibern von Sammelunterkünften war sie ein Stachel im Fleisch. Zweimal wurde ihr Auto platt gestochen, einmal wurden Beutel voll roter Farbe gegen ihr Haus geworfen. Sabine Jaeger kann die - nie ermittelten - Verdächtigen an einer Hand abzählen.

Etliche Flüchtlingsfamilien wurden abgeschoben, andere kehrten freiwillig in ihre Heimat zurück, als der Krieg vorbei war. Viele haben heute noch Kontakt zu Sabine Jaeger. Linda Suleyman schrieb ihr zuletzt am 18. August - und fordert eine offizielle Auszeichnung durch die Stadt: „Wir werden nie vergessen, was diese tolle Frau, die am Ende verlangt hat, dass wir sie Tante nennen, für uns gemacht hat. Sie ist eine große Humanistin, und Ober-Roden kann stolz auf sie sein.“ Ohne Sabine Jaegers Beharrlichkeit Behörden, Vermietern und Schulen gegenüber hätte sie nie erreicht was sie jetzt ist, lobt Linda Suleyman: Sie ist Deutschlehrerin an einer Schule in Bosnien. Auch die Familie Avdic, deren Abschiebung Sabine Jaeger im März 2000 mit Hilfe des Rechtsanwalts Roland Kern in letzter Minute verhindert hat, schreibt ihr noch regelmäßig.

„Die Zahl der Flüchtlinge wird immer größer. Aber die individuellen Sorgen sind die selben“, vergleicht Sabine Jaeger die neunziger Jahre mit der Situation von heute. Und auch wenn vielen Asylsuchenden vom Balkan das Etikett „Wirtschaftsflüchtling“ umgehängt wird, würde sie „jedem so begegnen wie vor 25 Jahren“.

Sie weiß aus eigener Erfahrung aber auch um die Grenzen der Hilfsbereitschaft. Von den anfangs 30 Helfern blieben nach einem Jahr nur noch zwei übrig. Die Ehrenamtlichen waren überfordert, die Euphorie wich der Ernüchterung: Sabine Jaeger zählt genau jene Bedenken auf, die unsere Zeitung vorige Woche in einem Kommentar festgestellt hat. Da sie gesundheitlich angeschlagen ist, kann sie sich nicht mehr in die Betreuung einmischen. „Meine Erfahrungen will ich aber gerne weitergeben“, verspricht sie. Also nur Mut und die Tel.: 06074/97114 anrufen. Die Verzweiflung vieler Flüchtlinge an den Grenzen zwischen Ungarn und seinen Nachbarstaaten heute berührt auch viele Flüchtlinge, die in den neunziger Jahren nach Ober-Roden kamen. Eine junge Bosnierin schickte Sabine Jaeger dieser Tage folgende Zeilen: „Wie gut ging es uns damals durch Ihre Betreuung!“

Quelle: op-online.de

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion