Gefährlicher Seitenwechsel

Achtung Autofahrer: Jetzt kommt Zeit der Wildunfälle

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Ober-Roden/Seligenstadt - Plötzlich steht ein Reh auf der Straße. „Bremsen, Lenkrad festhalten und drauffahren“ - eine bessere Idee hat Rolf-Walter Becker vom Landesjagdverband Hessen in Bad Nauheim auch nicht. „Nicht ausweichen. Das endet meist mit Schleudern“, sagt der 58-Jährige. Von Michael Eschenauer und Joachim Baier (dpa)

Der Landesjagdverband und der ADAC warnen in der dunklen Jahreszeit wieder vor Wildunfällen. „Zwölf Prozent aller Verkehrsunfälle in Hessen sind Wildunfälle“, sagt Becker. Die Gefahr sieht der ADAC vor allem im Feierabendverkehr. „Das Wild ist wie gewohnt in der Dämmerung unterwegs“, sagte Sprecher Jochen Oesterle. „Mit der Zeitumstellung fahren aber mehr Menschen in der Dämmerung.“ Schon lange sei versucht worden, der Gefahr zu Leibe zu rücken. Früher hätten schwarz-weiße Reflektoren das Wild von der Straße abhalten sollen, dann rote, schließlich blaue. Die Farbe Rot sei ein Schlag ins Wasser gewesen. „Das Wild sieht kein Rot“, begründet der Sprecher des Landesjagdverbandes, Klaus Röther. „Blau ist die Warnfarbe schlechthin.“

Die Einschätzungen hierzu schwanken bei den Praktikern in der Region zwischen „absolut sinnvoll“ und „bedingt sinnvoll“. Gute Erfahrungen hat der Jagdpächter Michael Bittner gemacht. „Ich habe mit Unterstützung der Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil rund 180 Stück für insgesamt 1000 Euro an der Kapellenstraße montieren lassen. Seitdem gab es in diesem Bereich fast keine Wildunfälle mehr“, berichtet der Pächter des Jagdreviers Ober-Roden-Nord.

Allerdings enfalten die gerundeten, dunkelblauen Reflektoren, die das Licht sich nähernder Autos in den angrenzenden Wald umlenken, eine geradezu unheimliche Anziehungskraft auf Langfinger. Schon jetzt seien zehn der Ende 2014 zwischen Ober-Roden und Messenhausen montierten Reflektoren gestohlen worden. „Und genau in dem Bereich gab es wieder Wildunfälle“, so Bittner, der wenig von den etwas älteren weißen oder roten Wild-Reflektoren hält. Das Wild möge die blaue Farbe nicht und ziehe sich in den Wald zurück, wenn sich ein beleuchtetes Fahrzeug nähere.

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Jagdpächter Klaus Burow ist als Wildmeister für die Aufsicht im Jagdgebiet Klein-Krotzenburg/Seligenstadt zuständig. Er sieht die blauen Reflektoren eher kritisch und spricht von einem Gewöhnungseffekt, der dafür sorge, dass sich das Wild nach einiger Zeit nur noch wenig um die blauen Lichter schere. Außerdem geschehe ein Teil der Wildunfälle am helllichten Tag. Burow favorisiert den Bau von Zäunen an kritischen Stellen, weiß aber, dass dies nicht immer möglich ist. „Man sollte an den gefährlichen Wildwechsel-Bereichen große Warndreiecke auf die Straße sprühen, Tempolimits ausweisen und konsequent Strafen bei Tempoüberschreitungen verhängen“, so der Jagdpächter. Ein bloßes Schild „Achtung Wildwechsel“ beachte kaum jemand. „Es ist unglaublich, was für ein wahnsinniges Fahrverhalten manche Autofahrer an den Tag legen“, ärgert sich der Jäger.

Grundsätzlich übernehmen die Jäger freiwillig das Einsammeln, Entsorgen oder Verwerten des bei Unfällen getöteten Wildes. Rehe, Hirsche und Hasen sind grundsätzlich im Wald „herrenlos“, also ohne Besitzer. Erst der zuständige Jagdpächter hat ein „Aneignungsrecht“ in dem Moment, wenn er das Wild erjagt hat.

ADAC-Crashtest mit Wildsäuen

Nach Bittners Erfahrung sind die Risiken eines Wildunfalles im Frühjahr, im Hochsommer und im späteren Herbst besonders hoch. Im Frühjahr lockt frisches Grün an den Straßenrändern das Wild, gleichzeitig kommt Unruhe in den Wald, weil die Tiere ihre Reviere neu markieren. Zwischen Mitte Juli und Mitte August erreichen die Rehböcke den Zustand fortgeschrittener Kopflosigkeit, wenn sie zwecks Paarung den Ricken nachstellen. Im Herbst wiederum bringt die frühere Dunkelheit zusätzliche Gefahren. Als sinnlos und gefährlich bezeichnet Burow die Zeitumstellung. Im Frühjahr setze dadurch der Berufsverkehr morgens früher ein, im Herbst werde er in die Dämmerungszeit verlagert. In beiden Fällen gerieten mehr Autofahrer in jene gefahrvollen Abschnitte des Tages, in denen das Wild die Straßenseite wechsele.

Quelle: op-online.de

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