Eine Rarität aus Schwedenstahl

Hans Hedtke besitzt einen 69 Jahre alten Volvo PV 60

+
Hans Hedtkes ebenso aufwändig wie liebevoll restaurierter Volvo PV 60 ist ein automobiles Schmuckstück - und jederzeit fahrbereit. Was man vom dem Wrack, das der Oldtimer einst war, nicht behaupten kann. Hedtke und seine Familie hatten es an einem Sonntag auf den Anhänger geladen. Deshalb heißt das Auto auch heute noch schlicht und einfach „Sonntag“.

Ober-Roden/Dieburg - Wenn Hans Hedtke neben seinem Volvo PV 60 steht, passt alles: Hier die exakt aufs blaue Jacket abgestimmte lila Krawatte, dort schwarz glänzender Lack über strahlenden Weißwandreifen. Doch bis der fast 70 Jahre alte Volvo wieder ein Schmuckstück war, steckte Hedtke viel Arbeit und Herzblut hinein. Von Michael Löw

Der Volvo PV 60 ist eine automobile Rarität. 3006 Exemplare dieses „Personvagns“ liefen zwischen 1946 und 1950 im schwedischen Göteborg vom Band, höchstens ein paar Dutzend sind übrig geblieben. Hans Hedtke, in Ober-Roden heimisch gewordener früherer Volvo-Vertriebschef Deutschland, besitzt einen dieser letzten PV 60. Das Auto steht in der Dieburger Volvo-Niederlassung. Es wurde 1946 produziert, hat einen Sechs-Zylinder-Motor mit 3 670 Kubikzentimetern Hubraum und 90 PS, ein Drei-Gang-Getriebe mit Lenkradschaltung und läuft gute 100 Stundenkilometer.

Das Auto kam 1964 nach Deutschland. Ein Spross aus der Sektdynastie Fürst Metternich hat es aus Schweden importiert. Der Kaufvertrag gehört zu den vielen Originaldokumenten, die Hans Hedtke aufbewahrt. Er lernte den PV 60 1972 kennen, als Volvo in Castrop-Rauxel den Grundstein für ein Regionalzentrum legte. Der aus Schweden eingeflogene Generaldirektor des Autoherstellers, Gunnar Engellau, wurde damit um die Baustelle chauffiert. „Ich war begeistert, obwohl ich noch nicht viel von Oldtimern wusste“, schwärmt Hedtke auch 43 Jahre später von der ersten Begegnung.

Kein Radio, kein Navi, nur die nötigsten Knöpfe: Der PV 60 wurde in einer Zeit gebaut, in der das Autofahren noch Hand- und Fußarbeit war.   Fotos: Löw

Zwei weitere folgten bei ähnlich wichtigen Anlässen, dann kam ihm aus Auto aus dem Sinn. Umso größer war der Schock, als er es 1982 wieder entdeckte: eine verrostete Ruine, bei der man durch den Radkasten ins Innere greifen konnte. Die abgeschraubten Kotflügel lagen daneben, Kleinigkeiten wie Türgriffe oder Spiegel waren verschwunden. Zwei weitere Jahre gingen ins Land, bevor Hans Hedtke das Wrack 1984 bei einem Familienausflug mit Frau und Söhnen auf einen Hänger lud. Seither heißt der PV 60 bei allen Hedtkes schlicht und einfach „Sonntag“.

Die Restaurierung war ein hartes und teures Stück Arbeit. Denn Hedtke wollte einen originalgetreuen PV 60 und keinen mit fremden Ersatzteilen. Ein erhabenes Gefühl sei es gewesen, als der Mechaniker mitteilte, dass er jetzt den Motor starte. „Der lief auch wie eine Eins“, war Hans Hedtkes erster und - wie sich schnell herausstellte - falscher Eindruck. Die eigentlich unverwüstliche Maschine hatte einen Haarriss und musste zum Schrott. Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verarbeitete auch Volvo notgedrungen nicht immer erstklassiges Material für den Motorguss.

Unerwartete Hilfe brachte ein anderer Oldtimer-Sammler, der von Hans Hedtkes Leidenschaft und Leid gehört hatte. „Ich fahre morgen nach Schweden. Soll ich Ihnen einen Motor mitbringen?“, fragte er. Drei Tage später holte Hedtke ihn in Kiel an der Fähre ab. Die erste Ausfahrt mit „Sonntag“ unternahm die Familie Hedtke 1986 an der Ruhr entlang. 1987 drehte Hans Hedtke mit dem PV 60 sogar zwei Runden auf der eigens für die Vorstellung eines neuen Modells gemietete Grand-Prix-Strecke des Nürburgrings.

Trotz Rennstrecken-Erfahrung ist so ein Oldtimer natürlich kein Rennwagen. Hans Hedtke schwärmt vom viel bemühten „Entschleunigen“ und genießt jede Tour: „Man will gar nicht der Erste sein wie sonst auf der Autobahn.“ Bis 2006 nahm der Wahl-Ober-Röder mit dem PV 60 an Oldtimer-Rallyes wie der „Silvretta Classic“ teil. Beim renommierten „Concours d’ Elegance“ in Schwetzingen gewann er mehrere Pokale. Was bei 180 liebevoll restaurierten Konkurrenten aller Marken schon etwas heißen will.

Im Schwetzinger Schlosspark organisierte Hans Hedtke 2007 auch eine Autoschau, die ihm wohl so schnell keiner nachmacht. 66 Volvo-Oldtimer - darunter auch das 1927 gebaute Auto mit der Gesamt-Fahrgestellnummer 4 - standen auf dem hochherrschaftlichen Kies. Hans Hedtke genoss wie unzählige Gäste den Anblick glänzenden Lacks, geschwungener Kotflügel und wuchtiger Kühlergrills, die an einen Schiffsbug erinnern. Sein PV 60 war einer von vielen Hinguckern. Deshalb tut’s Hans Hedtke im Nachhinein auch kein bisschen leid, wenn er sagt: „Das hat mich ein halbes Jahr meines Lebens gekostet“. Leidenschaft hat nun mal ihren Preis...

Hans Hedtkes PV 60 wird nicht nur in wichtigen Autolexika porträtiert: Im September widmete auch der Hessische Rundfunk dem „Oldtimer des Monats“ einen ausführlichen Beitrag. Der Sender stellt in dieser Reihe Autos vor, die mindestens 50 Jahr alt und bestens in Schuss sind.

Quelle: op-online.de

Kommentare