Interview mit Tobias Kruger

Kruger kritisiert Internet-Bremser und will Alternativen bieten

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Sommer-Interview In „Dead Poets Society“, im „Club der toten Dichter“, bringt ein Freigeist das Establishment durcheinander. Diese Rolle will Tobias Kruger mit der FDP in der Kommunalpolitik spielen.

Ober-Roden - Den „Club der toten Dichter“ hat Tobias Kruger schon unzählige Male geschaut. Der Vorsitzende der FDP-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung ist beeindruckt vom Lehrer John Keating, der seine Schüler zum freien Denken auffordert und so ein stockkonservatives Internat aufmischt.

Aufmischen will Kruger auch die seiner Ansicht nach grün-schwarze Koalition in Rödermark. Rödermark-Redakteur Michael Löw sprach mit Tobias Kruger, der zudem einer der digitalsten Kommunalpolitiker ist.

Wann haben Sie bei ihrer politischen Tätigkeit zum letzten Mal ein Stück Papier beschrieben? Und was stand drauf? 

Das ist noch gar nicht so lange her. Ich glaube zum Thema „PPP“ (Private-Public-Partnership, gemeint ist zum Beispiel die privat betriebene und öffentlich finanzierte Schulsanierung, Anmerkung der Redaktion) bei der letzten Sitzung der FDP-Kreistagsfraktion habe ich handschriftliche Notizen gemacht. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass die kurze Notiz auf Papier nach wie vor sehr viel schneller funktioniert als mit einem elektronischen Gerät.

Wer sich im Parlament oder in den Ausschüssen umsieht, blickt überall auf Tabletcomputer und Smartphones. Altmodische Geräte wie Laptops oder Schreibblock benutzt kaum noch ein Stadtverordneter. Der digitale Politiker ist in Rödermark Realität. Oder? 

Als Realität würde ich das aus eigener Wahrnehmung noch nicht einstufen. Vielleicht die Hälfte aller Mandatsträger ist „digital“ unterwegs. Realität ist es - auch mit Blick auf das aktuelle virtuelle Angebot der Stadt an die Bürger - noch lange nicht. Mehr „eGovernment“ ist durchaus erstrebens- und wünschenswert und das haben wir nun bekanntlich auch schon mehrfach beantragt. Und was tun Sie, wenn Ihre elektronischen Helfer abstürzen? Schließlich lässt die Breitbandversorgung, also das schnelle Internet, ja noch Jahre auf sich warten.Wenn die elektronischen Helfer abstürzen, sieht es natürlich sehr düster aus. Die aktuellsten Dokumente sind natürlich gespeichert, aber auf ältere Unterlagen kann man dann nicht mehr zugreifen oder die große Sucherei beziehungsweise Wischerei geht los.

Ist das Schneckentempo im Internet Rödermarks größte Zukunftssorge?

Die Internetgeschwindigkeit ist sicherlich nicht die allererste und größte Zukunftssorge für Rödermarks, aber zweifelsohne eine der dringendsten im Reigen der Zukunftssorgen. Die (aktuell sehr schlechte) Internetgeschwindigkeit in Rödermark ist ein ganz wesentlich nachteiliger Standortfaktor für Unternehmen und Privatpersonen. Wenn sich hier nicht bald etwas ändert, wird Rödermark als Standort insgesamt ins Hintertreffen geraten beziehungsweise noch weiter dorthin.

Und schuld an allem ist natürlich die schwarz-grüne Mehrheit in Parlament und Magistrat?

Wenn ein demokratisch gefasster Beschluss seit fast 2100 Tagen ohne tatsächlich greif- und spürbares Ergebnis bleibt, dann muss ohne Frage jemand daran Schuld sein oder es total verschlafen haben in der Form, dass das Thema schlicht ignoriert wird oder es ohne wirkliches Interesse stiefmütterlich - oder besser: sonnenblumerlich (Stichwort: „DSL 1500 reicht doch völlig aus“) - behandelt wird. Die aktuell handelnden Personen und politischen Mehrheiten interessiert das Thema leider nicht, da geht es vielmehr um Stadtradeln, Apfelwein, Hundeleinen, Fahrradständer und nicht zu vergessen die legendären Tontafeln für energieeffizientes Bauen. Die FDP wird an dem Thema dran bleiben und weiter für schnelles Internet in Rödermark kämpfen.

Wagen Sie eine Prognose! Wie viel Tage gehen ins Land, bis alle Computernutzer im Breidert mit 100 Mbit pro Sekunde durchs Internet surfen?

Nach sechs völlig ergebnislosen Jahren seit meinem allerersten Antrag zum Breitbandausbau wage ich keine Prognose mehr. Es geht dabei mittlerweile eher in Richtung von Stoßgebeten. Ich kann nur sehr hoffen, dass diesmal der aktuelle Anlauf mit der kreisweiten Lösung endlich Früchte in Form schneller Datenübertragungsraten trägt. Ich fordere die politisch Verantwortlichen ausdrücklich auf, sich mit allem Engagement dafür einzusetzen, dass Rödermark nicht zu den Schlusslichtern beim Breitbandausbau im Kreisgebiet gehört. Spatenstich as soon as possible!

Stimmen Sie folgender Aussage zu? Oppositionspolitik ist eine leichte Sache, man muss einfach nur laut genug kritisieren.

Nein, denn die Opposition muss und darf nicht bloß akustisch und populistisch ohne Inhalt laut sein. Sondern sie muss vielmehr inhaltlich und sachlich (Beispiele: Grund- und Gewerbesteuererhöhung, Thälmann-Weg und Rossmann-Drogeriemarkt) laut vernehmbar sein und versuchen, den Bürgerinnen und Bürgern in Rödermark eine sinnvollere und bessere politische Alternativen zur regierenden Koalition anzubieten.

Und das funktioniert wie?

Ein Patenrezept gibt es sicherlich nicht. Fakt ist, dass solche Mehrheiten wie in Rödermark oder auch aktuell im Bundestag weder gut sind für die Demokratie, die Debattenkultur noch für die Bürger. Je größer die Mehrheit, desto weniger Hinterfragung des eigenen Handels - es wird einfach „durchregiert“. Wir versuchen, durch unsere Öffentlichkeitsarbeit und speziell unsere Initiative „Transparenz 2.0“ den Bürgern alle Informationen 1:1 zur Verfügung zu stellen und Alternativen aufzuzeigen zum Handeln von Grün-Schwarz. Natürlich - das gehört zum Oppositionsgeschäft - müssen wir auch die Fehler der Mehrheit aus unserer Sicht öffentlich darstellen und eigene Lösungvorschläge konkretisieren. Dazu laden wir die Bürger immer zu unseren offenen Fraktionssitzungen ein, und jeder darf sich gerne mit Anregungen, Kritik und der persönlichen Sicht der Dinge in den Diskussionsprozess auf Augenhöhe einbringen. Zu guter letzt gibt es seit einer Weile unsere Satireseite, die sicherlich noch Ausbaupotenzial hat.

Stellen Sie sich auf weitere Oppositionsjahre ein? Oder gehen Sie mit der Hoffnung, dass die Karten neu gemischt werden, in die Kommunalwahl 2016? Stellt die FDP überhaupt eine Liste auf?

Es ist gerade mal zwei oder drei Jahre her, dass Sie im Gespräch mit unserer Zeitung genau das in Frage gestellt haben. Nachdem wir als Freie Demokraten unsere Kommunalwahlliste auch für Bürger ohne Parteibuch geöffnet haben, bin ich sicher, dass wir für Rödermark eine inhaltlich und personell sehr attraktive Liste anbieten können. Die Situation ist tatsächlich heute eine andere, als zu dem von Ihnen genanten Zeitpunkt vor zwei oder drei Jahren. Bei der Kommunalwahl am 6. März werden die Karten komplett neu gemischt. Daher stellen wir uns auf nichts ein, sondern erwarten das Votum der Wähler. Grundsätzlich sind wir als Liberale bereit für Koalitionsgespräche mit allen demokratischen Parteien.

Quelle: op-online.de

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