„70 Jahre Heimatvertriebene in Rödermark“

Zeitzeugen berichten aus erster Hand

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Christina Knapek (rechts) und Anne Laqua zwischen den Bergen von Material, das sie gemeinsam mit Manfred Dörsam und Johann Feith in mühevoller Kleinarbeit gesammelt, gesichtet und zu einer Ausstellung geformt haben.

Urberach - 70 Jahre Heimatvertriebene in Urberach und Ober-Roden: Seit Kriegsende leben dort viele Heimatvertriebene – der Heimat- und Geschichtsverein zeigt mit einer Ausstellung am Wochenende im Töpfermuseum ihre Wege. Von Christine Ziesecke

„1946 – 2016: 70 Jahre Heimatvertriebene in Rödermark“ – am Wochenende 12. und 13. November lädt der Heimat- und Geschichtsverein erneut ins Töpfermuseum ein, diesmal zu einem Thema, das weit mehr Rödermärker betrifft, als es auf den ersten Blick wirkt. Flüchtlinge sind überall präsent; ohne sie ist keine Nachrichtensendung denkbar und kein Bummel durch Rödermark. Heute sind sie oft durch ihre Andersartigkeit in Hautfarbe oder Kleidung, in Sprache oder Auftreten erkennbar. Doch wie viele Flüchtlinge in erster oder zweiter Generation tatsächlich hier leben, und das ohne sichtlich erkennbares Merkmal, ahnt keiner mehr. Die Flüchtlingswelle nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist längst „eingearbeitet“; die Menschen haben sich längst eingelebt. Waren es überhaupt so viele? Die Zahlen in dieser Ausstellung sind eindeutig, und das ist schon genaueren Hinschauens wert.

Wer weiß schon, dass 184 ehemalige Schlesier hier leben ebenso wie 90 Menschen, die ursprünglich aus Danzig und Ostpreußen kamen, dazu 624 aus der heutigen Tschechoslowakei und vieles mehr – rund 1200 Menschen allein im heutigen Urberach und 450 in Ober-Roden? Vier Rödermärker Bürger haben sich in diese Themen eingearbeitet und versuchen, es jetzt im Töpfermuseum zu vermitteln: Johann Feith für die Tschonopler Donauschwaben; Anne Laqua für die Sudetendeutschen, dazu Manfred Dörsam, der die Entwicklung der evangelischen Kirche aufgrund der Heimatvertriebenen nachweist, und Christina Knapek, die als HGV-Mitglied vieles angestoßen und mit der Gruppe in ihrer Wohnung vorbereitet hat.

„Wir wollten einfach wissen: wie war es damals hier und in Ober-Roden? Wie sind die Fremden aufgenommen worden? Wie hat man sich damals zusammengerauft?“, erläutert Christina Knapek die Ursprünge ihrer Arbeit.

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So viele Heimatvertriebene (die dieses Wort zutreffender finden als „Flüchtlinge“) – ihre Vorgeschichte, ihre (Leidens-)Wege, ihr Ankommen, ihre frühere Andersartigkeit, ihre Eingewöhnung – das alles vermitteln die vier Organisatoren der Ausstellung über Fotos, über Dokumente, über Materialien, die sie in vielen Schubladen ausgegraben und von vielen Mitmenschen geliehen bekommen haben. Es lohnt sich wirklich, am Samstag oder Sonntag im Töpfermuseum nachzuschauen, und vielleicht auch genügend Zeit mitzubringen, denn viele Zeitzeugen werden aus erster Hand berichten können und gerne mit Anderen ins Gespräch kommen – sowohl von der Seite der damaligen Flüchtlinge wie auch von der Seite derer, die plötzlich so viele verschiedenartige neue Mitbürger bekamen.

Vielleicht lässt sich daraus und aus dem weitgehend sehr guten Gelingen dieser neuen Kulturlandschaft eines Ortes auch Positives für die heutige Zeit ziehen. Und dazu gibt’s am Wochenende auch noch Spezialitäten aus den Heimatländern dieser Menschen: Tschonopler, schlesische und sudetendeutsche Schmankerl etwa, von Mohkließla bis zu Klumsekuche – also von Mohnklößen bis zum Quarkkuchen samt „Linde“-Kaffee. (chz)

„1946 – 2016: 70 Jahre Heimatvertriebene in Rödermark“: Töpfermuseum Urberach, Samstag, 15 bis 18 Uhr; Sonntag, 11 bis 17 Uhr. info@hgv-roedermark.de

Quelle: op-online.de

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