Rödermarker Jahresrückblick

Von einzigartig bis skurril

13 Minuten lassen sich zwei Gangster beim Einbruch ins Hotel „Odenwaldblick“ filmen. Sie bemerken die Überwachungskamera sogar, versuchen aber nur kurz, das Objektiv zu verhängen.

Lauthals loslachen oder die Faust in der Tasche ballen? Sachte schmunzeln oder einfach nur wundern? Kopfschütteln oder freundlich „Prost!“ rufen? Rödermark lieferte im zu Ende gehenden Jahr manche skurrile Nachricht.

Wo sonst in der Republik - sieht man einmal von unseren Nachbarn südlich des Mains ab - alarmiert die Schließung einer Zwei-Personen-Getränke-Produktionsstätte die Politik? Doch auch einen 82-Jährigen, der in einer Liga-Mannschaft Handball spielt, oder eine Erzieherin, die sich vermutlich mit falschen Zeugnissen eine Chefinnen-Stelle erschleicht, muss man landauf, landab lange suchen. Unser ganz und gar subjektiver Rückblick beleuchtet Besonderheiten, die das in der Politik so gern zitierte Wort Alleinstellungsmerkmal gelegentlich in einem schrägen Licht erscheinen lassen.

Die Deutsche Bahn zum Beispiel schickt ihre Kunden ab März immer wieder in die Irre. Züge der S-Bahn-Linie 1 warten mehrmals auf Gleis 1 des Ober-Röder Bahnhofs, doch Lautsprecherdurchsagen schicken einstiegbereite Passagiere aufs Nebengleis. Kaum sind sie dort, fährt der Zug da los, wo er immer startet. Die Bahn erklärt die Panne mit einem der berühmt berüchtigten technischen Defekte und wundert sich, dass die Leute sauer auf die Lokführer sind. Denn die haben einfach zugeschaut, wie ihre Fahrgäste mit der falschen Durchsage quasi hinter den Bahndamm gelockt wurden.

Der Club der Hundefreunde Waldacker ist Gastgeber des bisher größten Treibball-Turniers in Deutschland.

Vor laufender Kamera verrichten am frühen Morgen des 18. März Einbrecher ihre Arbeit. Die Profis hebeln zunächst ein Küchenfenster des Hotels „Odenwaldblick“ aus der Mauer, dann suchen sie in aller Ruhe im Schankraum nach dem Tresor. Sie knacken auch ihn und flüchten mit 3000 Euro. Den Schaden beziffert Hotelier Hans Gensert mit knapp 7 000 Euro. 13 Minuten lang werden die Gangster gefilmt, doch die Angst vor den Kameras war längst nicht so groß wie die vor Finger- oder Fußabdrücken. Sie schütten zehn Liter einer ebenso ätzenden wie klebrigen Flüssigkeit aus, um der Polizei die Spurensuche zu erschweren. Aufgeklärt ist die Tat bis heute nicht.

Einzigartig ist die Leistung von Helmut Karb aus Ober-Roden. Der 82-Jährige hilft den Handballern der Turngemeinde immer wieder aus - nicht als Betreuer, sondern als Spieler in der Bezirksliga B. Das Wort „Routinier“ hat wohl noch nie eine größere Berechtigung gehabt. Das bringt ihm Anerkennung weit über die Vereinsgrenzen hinaus: Die meisten Gegner geben nach dem Abpfiff noch einen aus. Helmut Karb ist nicht nur Aushilfsspieler, sondern auch Jugendtrainer und seit 1967 Schiedsrichter. Die 50 Jahre als Pfeifenmann will er auf jeden Fall voll machen, die nötige Fitness holt er sich bei den Übungseinheiten der ersten Mannschaft.

Ende Mai melden sich Medien aus allen Teilen der Republik bei Bürgermeister Roland Kern. Auf seine Initiative hin hatte die schwarz-grüne Mehrheit einen bislang namenlosen Verbindungsweg am Urberacher Festplatz nach dem von den Nazis ermordeten Kommunistenführer Ernst Thälmann benannt. Was von Kern als „Akt der Befriedung“ (Es gibt keine guten und keine schlechten Widerstandskämpfer gegen Hitler.) gedacht hat, bringt nicht nur die Opposition und den CDU-Senior Hans Sulzmann auf die Palme. Denn Thälmanns Kommunisten gehörten zu den Totengräbern der Weimarer Republik. Nach nur einer Woche nimmt der Magistrat die Namensgebung zurück. Doch das interessiert die überregionalen Medien nicht mehr.

Mini-WM in Urberach

Vermutlich mit gefälschten Zeugnissen hat sich eine Erzieherin als Kindergartenleiterin beworben und die Stelle bekommen. Weder der ehrenamtliche Trägerverein noch die Profis des Kreises, der dem U 3-Kindergarten wenige Monate zuvor eine neue Betriebserlaubnis erteilt hat, merken die Täuschung. Die falsche Chefin wird fristlos gefeuert, nachdem sie die Chance, sämtliche Vorwürfe aus dem Weg zu räumen, verstreichen lässt.

Kurz vorm Start der Fußball-WM in Brasilien gehen in Waldacker auch Bello & Co. auf Bällejagd. Das Treibball-Turnier des Clubs der Hundefreunde lockt Teilnehmer aus allen Teilen Deutschlands und aus Österreich an.

Bilder vom Treibball-Turnier

Treibball-Turnier der Hundefreunde Waldacker

Bleiben die Bembel leer, nachdem die Traditionskelterei Schwarzkopf schließt? Diese Sorge treibt nicht nur Apfelweinfreunde um, sondern auch die Politik. CDU und Andere Liste fordern per Antrag, dass die Stadt die heimische Trinkkultur fördert. Was zunächst nach bayerischer Provinzposse klingt, wird einstimmig im Parlament beschlossen. Denn wer’s Stöffche genießt, schützt die Streuobstwiesen rund um Urberach und Ober-Roden. Und kosten darf die Unterstützung von zwei Nachwuchskelterern natürlich nichts. Außer der Trinkkultur braucht ja auch die Stadt einen Rettungsschirm.

Quelle: op-online.de

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