Selbstversuch auf schwankendem Untergrund

„Jumping Fitness“ ist der neue In-Sport

Ober-Roden - Das gute, alte Minitrampolin erlebt als Trendsportgerät seinen zweiten oder dritten Frühling. Daher heißt Trampolinspringen jetzt „Jumping Fitness“ und steht täglich außer sonntags auf dem Kursplan von Julia Rink. Von Michael Löw 

Bitte nicht allzu hoch abheben: Beim „Jumping Fitness“ kommt"s nicht auf die Sprunghöhe an, sondern auf die Kraft, die die Übenden aus den Beinen holen.

Der Zusatz „50 plus“ deutet aufs gesetzte Alter hin; ich (50 plus 5) habe im Clubheim von Germania Ober-Roden den schweißtreibenden Selbstversuch unternommen, der mich ein paar Mal arg ins Straucheln gebracht hat. Und jede Menge Spaß machte. 400 Muskeln in Bewegung, bis zu 1 000 Kalorien pro Trainingseinheit verbrennen: Wenn das kein Anreiz für eine Sportstunde bei Julia Rink ist. Die hat im Mai 2015 ihren ersten „Jumping Fitness“-Kurs in Ober-Roden abgehalten und verspricht an einem Freitag 14 Monate später, dass selbst für Ungeübte alles ganz einfach ist. Doch Worte wie Schrittfolgen und Choreographie lassen mich zweifeln. War’s wirklich so eine tolle Idee, zur Schnupperstunde „Jumping Fitness 50 plus“ zu gehen? Da stehe ich (55) - Ex-Turner, Ex-Leichtathlet, Ex-24-Stunden-Läufer, Immer-noch-Jogger und Immer-noch-Jedermann-Sportler - auf einem schwarz-grünen Trampolin und harre der Anweisungen, die da gleich kommen. „Gewicht immer hinten auf die Beine“, lautet Julia Rinks erste. Kein Problem, denke ich beim Gewichtsverlagern, denn das Trampolin hat ja vorne eine Art Fahrradlenker. Aber in Trainerin-Anweisung Nummer zwei erfahre ich, das die eher ein symbolischer Halt als ein Klammergriff ist.

Julia Rink nimmt ihren Kursteilnehmern jedoch von Anfang jegliches mulmige Gefühl. Außer mir sind die meisten im Rentenalter - auch das ist „50 plus“ - und bringen auch ernste Bedenken mit. „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich habe nämlich große Probleme mit meinem Knie“, sagt eine 73-Jährige. Der federnde Untergrund tue geplagten Gelenken gut, versichert die Trainerin und wirft in die Runde: „Ihr werdet morgen alle keinen Muskelkater haben!“

Pro Stunde bis bis zu 1 000 Kalorien weg

Wir marschieren auf dem Trampolin los, Salsa beflügelt unsere Schritte. Die Füße sinken ins Sprungtuch ein, der Schweiß beginnt zu tröpfeln. Am Stundenverbrauch von 1 000 Kalorien scheint was dran zu sein. Schon in Stufe zwei heißt es Hüpfen - „Mit angespanntem Bauch und immer aus den gebeugten Beinen heraus!“ -, Joggen ist die nächste Steigerung. Und siehe da: Meine Hände sind weit weg von der Stange und machen automatisch die Bewegungen nach, die Julia Rink vorgibt.

Zwei Lieder, und dann ist Trink- und Abtrocken-Pause. Auf dem Weg zu Wasserflasche und Handtuch gibt die Trainerin ihren „50 plus“-Hüpfern noch eine Warnung mit: Nie vom Trampolin auf den Boden springen! Das harte Hallenparkett gleicht beim Absteigen nämlich einem schlingernden Schiff.Zurück auf dem Trampolin nimmt Julia Rink das Tempo raus und steigert die Schwierigkeit. Einbeinige Kniebeugen sind für einen Balance-Künstler wie mich schon auf stabilem Grund eine Herausforderung, jetzt soll ich das auf elastischem Stoff tun. Okay, diese Übung bringt mich mehr als einmal ins Wackeln.

Ich bin froh, dass ich wieder springen und laufen darf. Und bedauere, dass Julia Rink auf die Euphoriebremse tritt und meinen Höhenflug stoppt: „Nie zu hoch springen und den Oberkörper immer ruhig halten.“ Wer nur unsere obersten 50 bis 60 Zentimeter sieht, soll nämlich denken, dass wir ruhig am Schreibtisch sitzen.

Laufen und Trimmen: Mehr Abwechslung beim Workout

„Jumping Fitness“ klingt sehr Englisch, wurde aber vor gut 15 Jahren in Tschechien entwickelt und verbreitete sich über halb Europa. Julia Rink und die derzeit erkrankte Kerstin Huder geben beim FC Germania an sechs Tagen die Woche Kurse, nur sonntags wird nicht gesprungen. Die Teilnehmer waren bisher zwischen 18 und 50 Jahren alt, vorige Woche kam die Gruppe „50 plus“ neu dazu. Bei den jungen Hüpfern lassen’s die Trainerinnen strammer angehen. Die Pausen zwischen den einzelnen Einheiten sind kürzer, die Knie werden bei allen Übungen deutlich höher zum Oberkörper bewegt.

Egal, ob unter oder über 50: Zu den 400 beanspruchten Muskeln gehören zum Beispiel alle im unteren Rücken inklusive des Po. Die tun zwar augenscheinlich nichts, versehen in Wirklichkeit aber anstrengende Haltearbeit. Gleiches gilt für die stets angespannten Bauchmuskeln. „Die werden dadurch automatisch mittrainiert“, sagt Julia Rink. Das beuge Rücken- und Gelenkproblemen vor.

Springer bleiben vom Muskelkater verschont

Nach gut einer Stunde steige ich durchgeschwitzt und durchaus ausgepowert vom Trampolin, fühle mich aber rundum wohl: nichts zieht, nichts zwickt. Aber ein Muskelkater macht sich ja frühestens am Tag nach der Anstrengung bemerkbar. Doch am Samstagabend merke ich: Das Versprechen vom Trainingsbeginn hat sich bewahrheitet.

So wie mir geht’s auch Helga Seemann, deren Trampolin beim Schnupperkurs neben meinem stand. „Kein bisschen“ beantwortet sie meine Frage nach eventuellen Folgen der Springerei. Die Urberacherin sieht „Jumping Fitness“ als willkommene Ergänzung ihres Sportprogramms: Tennis, Schwimmen, Studio. Auch die 73-Jährige mit dem Problem-Knie sagt hinterher, dass sie keinerlei Überbeanspruchung spüre. Der Schnupperkurs „Jumping Fitness 50 plus“ findet jeden Freitag von 10 bis 11 Uhr im Clubheim des FC Germania am Nordausgang von Ober-Roden statt. Der Einstieg ist weiterhin möglich, denn zu Beginn jeder jeder Übungsstunde wiederholt Julia Rink einige Schritte. Zehn Trainingseinheiten kosten 99 Euro, Neulinge müssen sich unter s 0176 21184638 oder julia.rink@buggyfit.de anmelden.

Ein „Jumping Fitness“-Trampolin kostet stolze 500 Euro. Nachbauten gibt’s schon ab 150 Euro, doch die sind längst nicht so robust und standfest wie das Original. Ich stelle mir gerade mit Bauchgrimmen vor, dass die einbeinigen Kniebeugen eine noch wackligere Angelegenheit gewesen wären als sie es ohnehin waren...

Wenn Sport schmerzt: So fies kann Training sein

Quelle: op-online.de

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