Einmal Deutschland von Nord nach Süd

Karlheinz Weber wandert fast 1900 Kilometer in 20 Etappen

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Bücher zum deutschen Teilstück des Fernwanderwegs E 1 gibt’s reichlich, detaillierte Wegbeschreibungen sind eher selten. Die beste fand Karlheinz Weber in einem knapp 40 Jahre alten „Kompass-Wanderführer“. Dessen erster Besitzer hatte die einzelnen Etappen mit Anmerkungen versehen - unter anderem, in welcher Gaststätte er seinen Schirm vergessen hatte. Das Lokal hat Weber nach all den Jahren wieder gefunden, an den Schirm erinnerte sich der Wirt aber nicht mehr. 

Ober-Roden - Exakt 1 857,6 Kilometer schlängelt sich der europäische Fernwanderweg E 1 durch Deutschland. Karlheinz Weber aus Ober-Roden will ihn in 100 Tagen von Nord nach Süd abmarschieren. Am Montag bricht er zu seiner nächsten Etappe auf. Von Michael Löw 

An Pfingsten feiert Karlheinz Weber Bergfest - Fußballer würden’s Halbzeit nennen. 928,8 Kilometer auf dem Fernwanderweg E 1 hat er an diesem verregneten Montag hinter sich. Das ist die Hälfte der deutschen E 1-Strecke von 1 857,6 Kilometern. Weber und sein Freund Joachim Achenbach knipsen in der Nähe des Diemelsees ein etwas verwackeltes Selfie. Begonnen hat das Ganze vor gut zwei Jahren: Weber, Achenbach und der mittlerweile ausgestiegene Norbert Schmidt starteten am 5. Mai 2014 ihren „Consilium Magnum“, ihren großen Plan. Vom deutsch-dänischen Grenzübergang Kupfermühle bei Flensburg wandern sie durchs Wikinger-Land rund um Haithabu. Ihr Ziel Konstanz liegt am andern Ende der Republik. Sie wollen’s nach 100 Tagen, aufgeteilt in 20 Etappen, im Herbst erreichen.

Weber, Achenbach und Schmidt sind pensionierte Ingenieure, kennen sich seit ihrer Studienzeit und sind 20 Jahre zusammen gesegelt. „Wir suchten eine neue Herausforderung“, sagt Karlheinz Weber, der als ein Macher der Nachbarschaftsinitiative „Wir sind Breidert“ eigentlich genug Herausforderungen hat. Der knapp 1 900 Kilometer lange Fernwanderweg E 1 ist eine solche Herausforderung. Wer Deutschland von Nord nach Süd durchwandern will, kann das auch auf einer nur gut 900 Kilometer langen Strecke tun. Aber wer nach Kitzbühel zum Skifahren geht, will ja auch die „Streif“ hinunterbrettern und nicht eine x-beliebige Piste...

Dass nach gut der Hälfte nur noch zwei der drei E 1-Wanderer dabei sind und hinter ihrem Zeitplan herlaufen, stört Karlheinz Weber kein bisschen: „Das macht nichts, der Weg ist das Ziel!“ Zumal sie nahezu jeden Tag ein persönliches Deutschland-Erlebnis hatten. „So gerade gewachsene Buchen wie in Schleswig-Holstein habe ich im Leben noch nie gesehen“, schwärmt Weber. In der Lüneburger Heide schnauften die Wanderer Anstiege hoch, die seiner Einschätzung nach „steiler als die Alpen waren“. Und der letzte Wanderschäfer erzählte ihnen, dass er mit Frauen „jetzt nichts“ mehr am Hut habe. Der Mann ist 84.

Weber und seine Freunde lernten aber auch, dass Deutschlands digitale Landkarten immer noch weiße Flecken haben. In einigen Gegenden hatten Smartphones und andere elektronische Helferlein keinen Empfang; da war Navigieren mit Karten angesagt. Eine große Hilfe war ihnen das „Kompass-Wanderbuch“ aus dem Jahr 1978. Manchen Irrweg gingen sie trotzdem. Ein Bauer, auf dessen Hof Weber & Co. spätabends auftauchten, schüttelte ob ihres Leichtsinns nur den Kopf. Sie waren querfeldein durch Wildschweinreviere gestapft.

Nach dem „Consilium Magnum“ möchte Karlheinz Weber noch zwei kleinere Wanderpläne in Angriff nehmen: Wenn die Gesundheit mitspielt, will er auf dem E 1 die Alpen überqueren. Weniger anstrengend dürfte der Luther-Weg von Worms zur Wartburg sein.

Quelle: op-online.de

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