Wo stand das Kloster Rothaha?

Wettlauf um längst verschwundene Mauern

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Katharina Dittrich ist Hessens erste Stipendiatin für Ortskern-Archäologie. In Ober-Roden arbeitet sie die Funde des früheren Landesarchäologen Prof. Dr. Egon Schallmayer wissenschaftlich endgültig auf. Wenn sie den Inhalt von 400 Kisten durchforstet hat, dürften auch die allerletzten Zweifel am Standort des Klosters Rothaha beseitigt sein.

Rödermark - Unsere Redaktionen haben das Osterfest zum Anlass genommen, Geschichten der Klöster und ihrer Gemeinschaften in der Region nachzuspüren. Früherer Landesarchäologe Schallmayer ist sicher, dass er das Kloster Rothaha in Ober-Roden gefunden hat. Von Michael Löw

Das 786 erstmals urkundlich erwähnte Kloster Rothaha hat die Besiedlung der „Marcha Roadora“ - also jenem Gebiet, in dem heute Rodgau und Rödermark liegen - erst möglich gemacht. Gestiftet hat es die Äbtissin Aba im Kloster Lorsch. Doch weil es weder Ruinen noch andere Reste gibt, streiten die beiden Städte seit Jahrzehnten um den Standort der Schenkung.

In Nieder- und Ober-Roden wurde nach dem Kloster gesucht. Dabei beschreibt die Lorscher Urkunde die Lage ausführlich: „Dieses Kloster ist zu Ehren der heiligen Maria und der übrigen Heiligen im Maingau, im Gebiet der Gemarkung Roden (...) über dem Flusse Rodau errichtet.“ Was zunächst detailgenau klingt, verwirrt aus heutiger Sicht. Aber vielleicht konnte sich die Äbtissin auch gar nicht vorstellen, dass das Kloster einfach von der Landkarte verschwindet. Die Ober-Röder betreiben seit 30 Jahren Ortskern-Archäologie. 1985, als die St. Nazarius-Gemeinde mit der Renovierung ihrer Kirche begann, rückte außer den Handwerkern auch der Historiker Dr. Egon Schallmayer mit einem Trupp Studenten an. Sie gruben unter anderem im Innern des leer geräumten „Rodgaudoms“ und daneben auf dem Kirchhügel. Tief im Erdreich suchten sie nach den Zeugnissen der Vergangenheit und wurden fündig. Sie legten zum Beispiel Fundamente einer Holzkirche aus karolingischer Zeit frei. Verzierte Bodenfliesen machten deutlich, dass das kein schlichtes Gotteshaus eines Bauerndorfes sein konnte. Eine der gefundenen Kacheln zeigte Jesus Christus als Lamm Gottes - und zwar genau so, wie der Heiland während des achten Jahrhunderts auch im Kloster Lorsch dargestellt wird. Für Schallmayer war spätestens da klar, dass das Kloster Rothaha in Ober-Roden gestanden hatte.

Egon Schallmayer wuchs in Ober-Roden auf. Schon als Bub sammelte er Scherben aus Brunnen und wurde dafür ausgelacht. Man könnte ihn also für befangen halten. Doch als langjähriger Leiter des Römerkastells Saalburg und Landesarchäologe genießt er nicht nur unter Wissenschaftlern einen guten Ruf. Zum Doktor-Titel kam 1999 der eines Professors an der Hochschule Köln. In Nieder-Roden intensivierte Karl Pohl vom Arbeitskreis für Heimatkunde die Suche in den Jahren 2009 und 2010. Alte Flurnamen wie „Auf der Königswiese“ oder „Das Seelig“ waren seiner Ansicht nach Hinweise auf einen bedeutsamen Bau des frühen Mittelalters. Die geomagnetische Untersuchung eines 1,2 Hektar großen Geländes bei Rollwald lieferte dem Computer Daten für eine Karte. Und auf der erkannten geschulte Augen angeblich die Fundamente eines 10 mal 30 Meter großen Bauwerks mit einer Apsis auf der Ostseite. Aber gegraben wurde dort nicht, die Erkenntnisse waren zu vage.

Schallmayer sieht sich schon lange in dem bestätigt, was er Mitte der 90er-Jahre festgestellt hatte: „Nach dem, was man mit wissenschaftlich fundierten Methoden sagen kann, stand das Kloster Rothaha auf dem Kirchhügel in Ober-Roden. Davon wäre ich auch überzeugt, wenn ich kein Ober-Röder wäre.“ Seine Sicht der Dinge ist für Archäologen und das Bistum Mainz Fakt. Letzte, um nicht zu sagen allerletzte Zweifel räumt seit Anfang 2015 Katharina Dittrich beiseite. Die Wissenschaftlerin aus Göttingen ist Hessens erste Stipendiatin für Ortskern-Archäologie und arbeitet sich zwei Jahre lang durch Schallmayers Funde - 400 Kisten voller Alltagskeramik, Fliesen, Münzen, Werkzeug und menschlicher Skelette.

Quelle: op-online.de

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