Archäologie-Stipendium für Akia Diesch

Neue Hüterin der Scherben und Knochen

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Aika Diesch hat ihre Arbeit im „Jägerhaus“ schon begonnen. Während der Herbstferien halfen die Zwölftklässler Niklas Marutschke (hinten) und Kai Wickenhäuser beim Sortieren und Waschen der Grabungsfunde.

Ober-Roden - Die Stadt hat ihr Archäologie-Stipendium neu vergeben. Aika Diesch arbeitet in den nächsten beiden Jahren die Grabungsfunde aus dem Ober-Röder Ortskern auf. Von Michael Löw

Das Stipendium wurde 2014 ausgelobt, als der Landesarchäologe Professor Egon Schallmayer in Ruhestand ging. Er hat Geschichtsforschung in seinem Heimatort mehr als drei Jahrzehnte voran getrieben. 400 Kisten voller Gefäße, Scherben, Münzen, Knochen und das Skelett einer Frau und ihres Babys, die im Wochenbett gestorben sind, lagern in städtischen Kellern. Ober-Rodens Geschichte ist sozusagen kompakt verstaut, aber noch längst nicht sortiert. 1985 hatte Professor Egon Schallmayer, Hessens späterer Chef-Archäologe, begonnen, im Boden seines Heimatortes zu graben. Immer dann, wenn zwischen St. Nazarius-Kirche und Rathaus gebaut wurde, rückten Schallmayer und seine Helfer mit Spaten, Kellen, Maßband, Skizzenblock und Pinseln an. Die teils spektakulären Ergebnisse sind bekannt, unsere Zeitung hat regelmäßig darüber berichtet.

Ein aufwändiges Stipendium funktioniert nur mit vielen Partnern, sagte Dr. Frank Verse, der Chef der Kommission Archäologische Landesforschung, als er den Vertrag mit Stipendiatin Aika Diesch unterschrieb. Die Partner sind Thomas Becker und Udo Recker (Hessen-Archäologie), Bürgermeister Roland Kern, Erster Stadtrat Jörg Rotter und Hessens früherer Landesarchäologe Professor Egon Schallmayer. Zu dessen Pensionierung wurde das Stipendium ausgelobt.

Die Stadt stiftete 2014 - Anlass war Schallmayers Pensionierung - ein mit knapp 500 Euro pro Monat honoriertes Stipendium, um die Funde nach allen Regeln der Wissenschaft aufzuarbeiten. Ein erster Versuch scheiterte: Die Stipendiatin gab im Sommer 2015 auf, die Stadt schrieb das Projekt neu aus. Seit ein paar Tagen ist Aika Diesch die neue Hüterin der 400 Kisten voller Geschichte. Sie hat in Dublin ihr Archäologie-Studium mit dem Master abgeschlossen und promoviert jetzt an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, weil sie eine wissenschaftliche Karriere in Deutschland anstrebt. Mit der Archäologie des Mittelalters hatte sie sich schon in Irland befasst. Zwei Jahre hat Aika Diesch jetzt Zeit, die Ober-Röder Funde aus dieser Zeit auszuwerten. Zwischenergebnisse, so ihr Doktorvater Professor Ingolf Ericsson, will sie in Vorträgen erläutern.

Dr. Udo Recker, Schallmayers Nachfolger als Landesarchäologe, unterstützt das Projekt, weil es Bedeutung über Ober-Roden hinaus hat. Kontinuierliche Bodenforschung in kleinen Städten ist in Hessen immer noch die Ausnahme. Recker hofft auf grundlegende Erkenntnisse zu Besiedlungsstrukturen des 7. bis 12. Jahrhunderts und zum Einfluss wechselnder Herrscher. In Ober-Roden hatten mal der Mainzer Bischof und mal die Fürsten von Hanau-Lichtenberg das Sagen. An Aika Dieschs Stipendium beteiligen sich die Stadt, die Sparkasse Dieburg (5 000 Euro), die HSE-Stiftung (1 000 Euro), die Landesbehörde Hessen-Archäologie und die Kommission Archäologische Landesforschung (KAL). Nur dermaßen breite Unterstützung ermöglicht die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, lobt KAL-Chef Dr. Frank Verse.

Sensationsfund bei Ausgrabungen: Bilder

Die Stadt hat doppeltes Interesse am Erfolg von Aika Dieschs Arbeit: Zum einen will sie natürlich die exakte Bedeutung der Schallmayer’schen Funde wissen. Zum andern hat sie seit 1985 viel Geld für die Erforschung der lokalen Geschichte ausgegeben. Nach Auskunft von Bürgermeister Roland Kern kosteten die Grabungen, das Sichern und Lagern der Funde sowie diverse Publikationen umgerechnet rund 100.000 Euro.

Quelle: op-online.de

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