Schlauchturm als Kletterwand

Am Sicherungsseil zur Glocke hinauf

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Egal, ob ein Fuß und zwei Hände oder zwei Füße und eine Hand: beim Klettern sind drei Fixpunkte das A und O.

Ober-Roden - Das Ziel, das Aida Krasniqi anpeilt, ist nur 23 Meter entfernt - senkrechte Meter allerdings. Die Zwölfjährige steht ganz unten im früheren Feuerwehr-Schlauchturm und schaut nach oben, wo eine Glocke hängt. Von Michael Löw 

Die markiert das Ende der Kletterrouten durch 23 Meter Betonwand. Halt bieten allein unzählige bunte Griffe und Tritte. Und natürlich das Sicherungsseil, das Ercan Kilic und Abdurrahim Demir von der städtischen Jugendpflege nicht aus dem Auge lassen. Ihr Vorgänger Andreas Jacobsen, ein passionierter Bergsteiger, hatte das Innere des alten Feuerwehr- und jetzigen Jugendhauses zur künstlichen Felswand gemacht. Inzwischen haben Kletterer die Wahl zwischen vier unterschiedlich schweren Routen; gelbe, grüne, rote und blaue Griffe markieren die einzelnen Strecken. Wer das Fairplay des Kletterns ernst nimmt, bleibt einer Farbe treu. Alle anderen kommen in bunter Reihenfolge nach oben.

Der TÜV hat die Anlage geprüft und ihr seinen Segen erteilt. Sicherheit genießt auch beim Personal Priorität. Demir und Kilic klettern seit Jahren Fels oder Beton hinauf und haben eine Übungsleiterausbildung absolviert. Dabei lernten sie auch, mit den Ängsten ihrer Schützlinge richtig umzugehen. Der Weg nach oben ist für sie nicht das Schwerste. Abdurrahim Demir: „Wenn man von oben runter guckt, sieht"s viel schlimmer aus!“ Ob das stimmt, wollen an diesem Nachmittag 12- bis 14-Jährige wissen. Sie sind mehr oder regelmäßige Besucher des Jugendzentrums Ober-Roden, Marlen Careddo klettert im Gegensatz zur ihrer Freundin Aida zum ersten Mal. Ercan Kilic bindet ihren Sitzgurt mit einem nur für Laien komplizierten Knoten in das Sicherungsseil ein, dann muss Marlen die ersten drei Meter hinauf und sich hängen lassen. Eine wichtige Erkenntnis: Die Seilbremse greift auch, wenn Kilic die Hand wegnimmt.

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„Was hält denn so ein Seil?“, fragen Demir und er gerne die Jugendlichen. Die Antworten fangen üblicherweise bei 50 Kilo an und steigern sich auf Nachbohren immer um weitere 50 Kilo. Bevor sich der Nachmittag mit langweiligen Rechenspielchen hinzieht, machen die Trainer dem ein Ende: zweieinhalb Tonnen sind die Belastungsgrenze. Wer also dort oben den Halt verliert und ins gebremste Seil fällt, hängt sicher. Aida Krasniqi hat bei ihrer zweiten Klettertour übrigens in 23 Metern Höhe geläutet. „Ich habe noch Anstrengungsschmerzen in den Armen“, meint sie nach der Rückkehr auf den Boden. Aber die Kraxelei ist der Schülerin wohl lieber als Hausarbeit: „Von der Kraft her war"s einfacher als eine Kiste Wasser zu heben.“

Quelle: op-online.de

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