„Grünhelm“ in Kurdistan

JUZ-Mitarbeiter hilft Menschen, die vorm IS flohen

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Zehntausende von Kurden waren vor den IS-Milizen ins Sindjar-Gebirge geflohen. Dort gab es keine großen Camps, die „Grünhelme“ brachten Hilfsgüter in entlegene Regionen.

Ober-Roden - Die angeblich besiegten Truppen des IS, des Islamischen Staates, bringen sich der Welt wieder schmerzlich in Erinnerung. In Syrien scheuchen die Terrormilizen das Militär vor sich her. Das weitgehend befreite Kurdistan ist vergleichsweise sicher. Von Michael Löw 

Abdurrahim Demir, Sozialarbeiter in der städtischen Jugendpflege, hat dort Flüchtlingen geholfen, die bei ersten IS-Angriffswelle im Sommer 2014 kaum mehr als ihr nacktes Leben retten konnten. Abdurrahim Demir stand vor den rauchenden Ruinen der befreiten Stadt Kobane und hat in kahlen Hochtälern des Sindjar-Gebirges den Durchhaltewillen kurdischer Flüchtlinge bewundert. Der 31-Jährige, dessen zupackende Art viele junge Rödermärker im JUZ-Kletterturm schätzen gelernt haben, half sechs Wochen lang in einer Ecke der Welt, die vor gut einem Jahr die Schlagzeilen beherrschte: im Nordirak - genauer gesagt: in der Autonomen Region Kurdistan.

Abdurrahim Demir, vielen Jugendlichen vom städtischen Ferienprogramm und aus dem JUZ-Kletterturm bekannt, nahm sechs Wochen Urlaub und half kurdischen Flüchtlingen im Nordirak. Vor seiner Abreise hatte er in Rödermark vier Transporter voller Kleidung gesammelt, die im Sindjar-Gebirge und in der Nähe von Kobane dringend gebraucht wurden.  

Demir war ein „Grünhelm“. So nennt sich die international tätige Freiwilligenorganisation in Anspielung an die Blauhelme der Vereinten Nationen. Ihr Einsatz braucht kein Mandat der UN-Vollversammlung, sondern orientiert sich an der Not der Menschen. Die Helfer, übrigens keinen Helm tragen, gehen dorthin, wo normal nur spärlich Hilfe ankommt. „Wir waren in vier kleineren Flüchtlingscamps, die oft über Nacht entstanden sind“, erzählt Demir.

Wobei „klein“ ein relativer Begriff ist. 300 bis 400 Familien, also bis zu 4 000 Menschen, hatten dort im Juni 2014 Zuflucht gesucht, als der Vormarsch des Islamischen Staates (IS) durch den Irak zur türkischen Grenze unaufhaltsam schien. Die Camps liegen in der Nähe der Städte Duhok (in der Umgebung von Duhok leben etwa eine Millionen Flüchtlinge und in der gesamten Region Kurdistan etwa zwei Millionen Flüchtlinge) und Zumar sowie im Sindjar-Gebirge. Mehr als 10.000 Flüchtlinge leben in den Sindjar-Gebirge auch heute noch in der unwegsamen Gegend. Die „Grünhelme“ haben in den Camps Toiletten, Duschen und Küchen gebaut, schlammige Straßen mit Kies befestigt oder verlassene Häuser mit Plastikplanen wetterfest gemacht.

Abdurrahim Demir hat zwar auch Wände gemauert, Decken betoniert und Rohre eingezogen. Aber das war der kleinere Teil seines Hilfseinsatzes: „Ich bin deshalb runtergegangen, weil ich die „Grünhelme“ mit meinen Sprachkenntnissen unterstützen wollte.“ Er wurde zum Koordinator und Chefeinkäufer, schließlich konnte er ja in fließendem Kurdisch verhandeln. Die Baumaterialien wurden vor Ort besorgt und die Preisvergleiche haben Demir verblüfft: „Viele Geschäftsleute haben uns die Sachen unter Preis verkauft.“

Der Sozialarbeiter organisierte von Duhok aus zwei von vier Hilfstransporte ins Sindjar-Gebirge: Decken, Matratzen, Kleider und Lebensmittel. Vor seiner Abreise hatte er in Rödermark gesammelt, fast eine Lkw-Ladung kam zusammen. Dicke Jacken und Mäntel waren begehrte Spenden. Im vorigen Sommer erschütterten Bilder verdurstender Menschen die Öffentlichkeit. Im Frühling, als Demir dort war, lag noch Schnee und ein eisiger Winde fegte über die Berge.

„Was hält die Menschen dort oben?“, fragte Abdurrahim Demir. In knapp 100 Kilometer Entfernung hätte es feste und sichere Camps gegeben. Das Sindjar-Gebirge dagegen ist nicht nur unwirtlich, sondern liegt auch kurz hinter der von kurdischen Peschmerga-Kämpfern erbittert verteidigten Frontlinie zum IS-Gebiet. „Wir sterben lieber als nur noch einen Fußbreit unserer Heimat aufzugeben!“ So lautete die trotzig-verzweifelte Antwort selbst von Eltern, die ihre verdursteten Kinder mit bloßen Händen begraben hatten. Dieser Freiheitswille seiner Landsleute war einer der prägendsten Eindrücke, die Abdurrahim Demir mit nach Hause nahm. Sein Job als Sozialarbeiter half ihm, in solchen Situationen und bei Verhandlungen um Baumaterial oder Kleidung die nötige Distanz zu wahren: „Man kann nicht nur der Familie mit der größten Not helfen!“

Quelle: op-online.de

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