Schule im fahrenden Klassenzimmer

Lernmobil ermöglicht Zirkuskindern einen geregelten Schulalltag

+
Alfred Spitz ist seit kurzem mit einem neuen Lernmobil unterwegs, das noch nicht ganz fertig eingerichtet ist. In Kürze wird Aloma-Tatjana Frank (links) und ihrer älterer Schwester Alice-Belinda aber wieder ein komplettes Klassenzimmer zur Verfügung stehen.

Ober-Roden -   Die Nell-Breuning-Schule hat „Konkurrenz“ bekommen. Direkt gegenüber, auf dem Parkplatz des früheren Paramount-Parks, hat eine weitere Schule ihre Pforten geöffnet.

Die bleibt allerdings exklusiv den Kindern des Zirkus Barus vorbehalten, der derzeit in Ober-Roden gastiert, und passt in ein umgebautes Wohnmobil. Auch Zirkuskinder dürfen Schule nicht versäumen. Deshalb gibt es das „fahrende Klassenzimmer“, wie die Lernmobile gerne genannt werden. Sie gehören zur „Schule für Kinder beruflich Reisender in Hessen“. Die gibt es nun im sechsten Jahr – mit Hauptsitz in Wiesbaden. Die Schule ist ein Pilotprojekt des hessischen Kultusministeriums, Träger ist die EVIM Bildung gemeinnützige GmbH (Evangelischer Verein für Innere Mission). Die Lehrer sind mit insgesamt neun Lernmobilen auf ganz Hessen verteilt. Lehrer Alfred Spitz ist seit Anfang an mit dabei. Meist zwei bis dreimal die Woche unterrichtet er vor Ort die Kinder der Familie Frank vom Zirkus Barus. Außerdem steht oft Fernunterricht auf dem Programm. Via Internet werden die Kinder auf einer Lernplattform unterrichtet, sie sind dann per Ton- oder Bildübertragung mit ihren Lehrern verbunden.

Die Klasse von Alfred Spitz beim Zirkus Barus ist gerade einmal zwei Schülerinnen groß. Die 13-jährige Aloma-Tatjana Frank, die Zirkusvorstellungen unter anderem mit Akrobatikeinlagen bereichert, strebt einen Hauptschul- oder Realschulabschluss an. Die 16-jährige Alice-Belinda, die im Zirkus Luftakrobatik der Spitzenklasse in Schwindel erregender Höhe präsentiert, hat den Hauptschulabschluss im vergangenen Sommer bereits geschafft. Da in Hessen eine zehnjährige Schulpflicht besteht, absolviert sie derzeit bei Alfred Spitz ein berufsvorbereitendes Jahr. Da werden dann auch zirkusspezifische Themen wie das Führen eines Tierbestandsbuches behandelt. Der ältere Bruder Marcello-Renado, der 19-jährige Clown des Zirkusses, ist mittlerweile nicht mehr bei der Schule mit dabei. Er hat seinen Hauptschulabschluss ebenfalls bereits abgelegt.

Von Vorteil für die Kinder ist, dass der Zirkus Barus überwiegend in Hessen Station macht. Das hat die Familie durchaus bewusst so entschieden. „Marco Frank legt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen großen Wert darauf, dass seine Kinder einen anständigen Schulabschluss machen“, sagt Alfred Spitz. Zirkusdirektor Marco Frank erinnert sich eher ungern an seine eigene Schulzeit: „Ich war alle drei Tage in einer anderen Schule. Am ersten Tag habe ich vom Zirkus erzählt, am zweiten bin ich mit Bauchweh daheim geblieben und am dritten habe ich der Klasse als Andenken ein Bild gemalt“, blickt Marco Frank zurück. Es sei daher sehr schwierig für ihn gewesen, kontinuierlich zu lernen.

Bei seinen Kindern ist die Unterrichtssituation deutlich besser. Bis zur dritten Klasse hatte seine Tochter Aloma-Tatjana ebenfalls ständig die Schule gewechselt. „Es war zwar schön, mal andere Kinder kennenzulernen, aber in dieser Zeit habe ich nicht viel gelernt“, erinnert sich die Jugendliche. Seit es die Lernmobile gibt, sei das deutlich besser geworden. „Das macht mehr Spaß.“

Die Schule für Kinder beruflich Reisender in Hessen, die gleichzeitig Grundschule und integrierte Gesamtschule ist, hat 80 Stammschüler. Fahrende Klassenzimmer gibt es in Deutschland nur in Hessen und Nordrhein-Westfalen. In den anderen Bundesländern ist es dagegen weiterhin üblich, dass Zirkuskinder die Schulen der Orte besuchen, an denen ihr Zirkus gerade Station macht.

Dennoch hat sich die Situation im Vergleich zu früher verbessert. Jedes Zirkuskind hat eine Stammschule. In jeder Region gibt es so genannte Bereichslehrer, die bundesweit vernetzt sind und den Schülern vor Ort als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und zusätzlich zum Unterricht an den Schulen Hilfestellung geben. Bei Schuleintritt erhalten Kinder beruflich Reisender ein bundesweit einheitliches Schultagebuch. Hierin wird der Lernstand festgehalten, so dass auf das bereits Gelernte aufgebaut werden kann. Auch Alfred Spitz ist für Durchreisende zusätzlich als Bereichslehrer tätig.

10 000 Kinder sind nach Schätzungen des hessischen Kultusministeriums mit ihren Eltern in Deutschland mit unterschiedlichen Unternehmen wie Schaustellerbetrieben, Zirkusunternehmen oder Puppentheatern unterwegs. Alfred Spitz, der mit seinem Lernmobil aktuell zwei Zirkusse und ein Puppentheater betreut, hat vor seiner Zeit bei der Schule für Kinder beruflich Reisender über 30 Jahre an verschiedenen Förderschulen gearbeitet. „Ich bin zu 90 Prozent selbstständig“, beschreibt er seinen Job: „Das ist ein sehr freies Arbeiten, man ist auch rundherum verantwortlich, etwa für das Fahrzeug und die Abläufe. Das erfordert große Flexibilität, macht aber auch großen Spaß.“ Ein Treffen des Gesamtkollegiums findet alle vier Wochen statt.

ey

Quelle: op-online.de

Kommentare