Premiere im Hause Nedelmann mit „Mensch, Papa!“

Spannendes Zwei-Personen-Stück

+
Das Stammbuch, der Jugendschwimmpass - alle Funde im Elternhaus wecken Erinnerungen und werfen auch neue Fragen auf.

Urberach - „Mensch, Papa!“ Die neue Nedelmann’sche Wohnzimmertheater-Premiere, eine kleine, aber sehr spannende Familiengeschichte rund um das Treffen eines Geschwisterpaars im elterlichen Haus, ist wieder einmal ein eigenes Werk von Theaterchef, Regisseur und Schauspieler Oliver Nedelmann. Von Christine Ziesecke

„Es ist tatsächlich das erste echte Zwei-Personenstück, das ich geschrieben habe“, überlegt Oliver Nedelmann. Keine Doppel-, Dreifach- und Vierfachrollen für das Schauspieler-Ehepaar, kein zehnmaliges Umziehen und Perückenwechsel, keine notwendige Transfer-Leistung für den Zuschauer, der ständig überlegen muss, in welcher ihrer vielen Rollen Friederike oder Oliver jetzt gerade in diesem Moment auf der winzigen Bühne stehen… Statt dessen eine stringente, kurze Handlung, ein Nachmittag und eine Nacht im Elternhaus der Geschwister, die sich um die Geschäfte der Eltern kümmern müssen, die zurzeit im Krankenhaus sind.

Sie: eine fröhliche Powerfrau, früh von Zuhause ausgezogen, ausgewandert in die USA, dort äußerst erfolgreich als Miss German Keks & Kuchen, die scheinbar immer genau weiß, was sie will und macht. Er: sechs Jahre jünger, Sozialpädagoge, verheiratet, zwei Kinder, fühlt sich ein Leben lang im Schatten der größeren Schwester, selbst als diese längst ausgezogen und ausgewandert ist. Sie: auch der äußere Auftritt ganz in ihrem Stil (irgendwann wird sie diese todschicken Highheels, die sie nur in der Hand trägt, auch mal anziehen, hoffen wohl viele der Besucher erwartungsvoll und vielleicht schon schadenfroh), dominant, aber liebevoll-schnodderig, amerikanisiert, aber sich doch rasch wieder in ihre ungeliebte Kindheit erinnernd. Er: seine große Schwester bewundernd, automatisch in die altbekannte Verteidigungsrolle gedrängt, zwischen Anerkennung und Selbstmitleid („ich musste mich schließlich hier ständig um alles kümmern!“), etwas weltfremd und eher kleinbürgerlich. Gegenseitige Vorwürfe und Verteidigungen weichen der gemeinsamen Aufarbeitung des Lebens der Eltern und ihrer untrennbar damit verbundenen eigenen Vergangenheit, die zunächst immer unschärfer statt schärfer zutage tritt.

„Mensch, Papa“ – die Sicht der Geschwister auf ihre Eltern variiert von stirnrunzelnd über verständnislos bis zu allmählichem Hineinversetzen und zum durchaus spannenden Aufdröseln der zunächst unverständlichen Rätsel, die sich aus den Papieren ergeben. Sie wandern durch eigene Gedankenspiele über Krankheit und Tod und das Eingeständnis, sich davor selbst zu drücken - alles für die Zuschauer nachvollziehbar und oft kopfnickend begleitet. Denkanstöße für eine eigene Reflektion, aber immer verbunden mit viel Witz bis hin zur Ironie. Lautstarkes Gelächter dankt es den beiden Schauspielern, die sich in dieser durchgängigen Rolle besonders gut entwickeln können: kein Klamauk, kein ständiges Rollenwechseln, sondern geradlinige und auch für den Zuschauer nachvollziehbare Gefühlsverarbeitung. Ein gelungenes neues Werk, das allen Generationen zu empfehlen ist: den Eltern, die danach vielleicht den Mut zu einem Gespräch mit ihren Kindern finden, wie auch den Kindern, die darüber nachdenken könnten, ihre Eltern nicht voreilig zu beurteilen, Mensch, Papa, hättest du doch früher etwas gesagt!

Quelle: op-online.de

Kommentare