Begegnungen auf dem Friedhof und im Hospiz

Schüler beschäftigen sich mit Tod und Sterben

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Motivwürfel, die zum Drehen einladen, und kleine Steinhäufchen als Zeichen „Ich war da“: der „kontaktfreudige“ Stein am Grab eines Dialogmarketing-Managers fand großes Interesse bei den Jugendlichen.

Ober-Roden - Zum breiten Angebot der Projekttage in der Nell-Breuning-Schule (NBS) gehörte erstmals auch das Thema Tod und Sterben. Von Christine Ziesecke 

Neun Jugendliche zwischen 13 und 14 Jahren setzten sich mit jenen Dingen auseinander, die in unserer Gesellschaft gern ganz nach hinten gedrängt werden. Winfried Schoßer, Mitarbeiter beim Palliativ- und Hospizdienst der Johanniter Rodgau, hatte das Projekt Tod und Sterben schon einmal erfolgreich in einer Nieder-Röder Schule angeboten, nun war er neugierig auf die Resonanz an der Nell-Breuning-Schule (NBS). Klare Regeln waren Grundvoraussetzung: Jeder Teilnehmer durfte Meinungen und Gefühle äußern, keiner musste es tun, alles Gesagte blieb in der Gruppe.

Schoßer war von Anfang an ausgesprochen positiv beeindruckt. Schon am ersten Tag, an dem er mit den Jugendlichen über den Tod aus gesellschaftlicher und soziologischer Sicht sprach, kamen zwischen Liedern, Gedichten und Bildern gleich sehr offene und persönliche Wortmeldungen: das Sterben und die Zeremonien darum herum in früheren Zeiten, auf dem Land wie in der Stadt, erste Hinweise auf Begräbnisriten. Am Tag danach ging"s über die Straße zum Ober-Röder Friedhof. Für die Jugendlichen waren das nur ein paar Schritte weg von ihrem Schulweg und doch tauchten sie in eine andere Welt. Rituale, Regeln, Vorschriften rund um eine Bestattung wurden ihnen hier von Friedhofswärter Christopher Müller und Pietätsmitarbeiterin Manuela Saager erklärt. Sie zeigten den Schülern die Trauerhalle, Verabschiedungsräume und besondere Gräber.

So etwa die letzte Ruhestätte eines früheren Dialogmarketing-Managers, der im Leben nichts mehr suchte als den Kontakt zu seinen Mitmenschen. Seinen Grabstein hatte die Familie ganz persönlich gestaltet: Vier bewegliche Würfel mit ganz unterschiedlichen Motiven lassen sich nach dem eigenen Gefühl und Befinden drehen und zusammenstellen. So lässt sich eine eigene Art der Kommunikation finden. Die 13- und 14-Jährigen waren sehr beeindruckt von dieser im Gegensatz zu den anderen Grabsteinen vergleichsweise lebendigen Möglichkeit, gerade auch verbunden mit dem Ritus aus der jüdischen Tradition, einen kleinen Stein auf dem Grabstein zu hinterlassen: „Ich war da!“ Mit der Zeit des Sterbens beschäftigte sich die Gruppe beim Besuch einer Palliativmedizinerin, die auch den hiesigen Hospizhelfern zur Seite steht. Der vierte Projekttag führte die Schüler ins Hospiz Fanny de la Roche nach Offenbach. Das war eine ganz besondere Begegnung für die jungen Menschen, die teilweise in der Familie schon Erfahrung mit Sterben und Tod gemacht haben, großteils aber noch nicht. Eine Frau, die seit Herbst hier mit ihrem Leben abschließt, erzählte den Gästen überschwänglich: „Ich bin froh, mich hier um nichts mehr kümmern zu müssen.“

In ihrem Abschlussgespräch zogen die Schüler - acht Mädchen und ein Junge - Bilanz. „Ich habe das Projekt gewählt, denn ich wollte mehr darüber wissen“, begründete Sophia aus Russland ihre Teilnahme. „In meinem Konfirmandenunterricht kam Wini Schoßer vorbei und hat von diesem Projekt erzählt, und das fand ich gut“, schilderten Julia und Emilia ihre erste Begegnung mit dem Sterbebegleiter. „Es war ein gutes Gefühl, eine schöne Erinnerung, sehr sympathisch“ war ebenso als Fazit zu hören wie „Ich habe sehr viel dazu gelernt, mir wurden viele Fragen beantwortet.“ Und auch Schoßer staunt noch immer: „Die Gruppe hat mich jeden Tag wieder überrascht. Sie waren alle so interessiert; und so manche, die lange nichts gesagt und nichts gefragt haben, haben dann plötzlich Sätze herausgebracht, wo ich nur gestaunt habe: Sie sind ja doch voll dabei gewesen!“ Manche der Schüler hatten sogar dafür kämpfen müssen, mitmachen zu dürfen. Eltern und Lehrer hatten eher vermutet, das nur ein kleiner Teil am Ende noch dabei sein würde – weit gefehlt. Und das Projekt hat vielleicht auch eine weitere Dimension: „Gestern habe ich meine Mutter gefragt, was sie für einen Grabstein haben möchte.“

Bilder: Abiplakate an der Nell-Breuning-Schule

Die Bilder für eine kleine Ausstellung im Rathaus wurden spontan abgeändert in einen Brief, den jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer an Eleonore Hahn im Hospiz schrieb, die sie so sehr beeindruckt hatte. Es waren ganz persönliche Worte und Bilder, mit denen sie sich bedankten. Und auch die Geschichte des etwas anderen Grabsteines bewegte die Jugendlichen noch am Ende der Woche: „Ich werde immer dran drehen, wenn ich hier vorbei komme, und ich werde wohl auf jeden Grabstein kleine Steinchen legen als Zeichen, dass ich da war – ich kann mir jetzt schon vorstellen, einmal einen ähnlichen Stein haben zu wollen.“

Quelle: op-online.de

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