77-Jähriger wegen Brandstiftung vor Gericht

Hat Rentner sein Haus angezündet?

Ober-Roden/Darmstadt - Personen über 70 Jahre betreten den Gerichtssaal selten als Angeklagte, mit dem Alter scheint eine eventuell vorhandene kriminelle Energie rasant abzunehmen. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

So ist es schon etwas Besonderes, wenn ein Angeklagter in Untersuchungshaft nicht in Handschellen, sondern mit Krückstock und Hörgerät vor die Strafkammer geführt wird - so geschehen gestern im Landgericht Darmstadt in einem Prozess um schwere Brandstiftung.  Ein 77-jähriger Rentner aus Ober-Roden wird beschuldigt, am 21. September vorigen Jahres sein Haus angezündet zu haben. In der Anklageschrift heißt es, er habe vermutlich Zeitungen im Wintergarten angezündet und dabei den Ausbruch eines Feuers billigend in Kauf genommen. Der Brand verwüstete das Erdgeschoss, der Sachschaden betrug 150.000 Euro. Die schwerkranke 73-jährige Ehefrau erlitt eine Rauchvergiftung, sie lebt seitdem im Pflegeheim und ist vernehmungsunfähig.

Als gesichert gilt: Der ehemalige Elektromechaniker handelte in einem Zustand der verminderten Schuldfähigkeit, da er an einer krankhaften seelischen Störung leidet. Für die 12. Strafkammer gilt es nun zu klären, ob der Mann vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hat, und ob er als „pyromaner Wiederholungstäter“ eingestuft werden muss. Denn glaubt man den Aussagen von Feuerwehr, Polizei und Anwohnern, dann liebt er das Spiel mit dem Feuer schon seit ein paar Jahren.

Angeklagter liebte offenbar Spiel mit dem Feuer

Eine Nachbarin kann im Zeugenstand so einiges berichten: „Eigentlich kenne ich ihn als freundlichen Mann, doch vor ungefähr vier Jahren fing er an, immer sonderlicher zu werden. Er flexte morgens um fünf Uhr Metall, sammelte wertloses Zeug vom Sperrmüll. Dann fing er an, regelmäßig nachts im Garten etwas zu verbrennen, manchmal stank das bestialisch!“ Als bei solch einer Aktion im vorigen Jahr die Flammen meterhoch schlugen, sei sie rüber gegangen und habe die Feuerwehr gerufen.

„Außerdem soll er auch Briefkästen der Nachbarn angesprüht und deren Pflanzen verätzt haben!“ erinnert sich die 57-Jährige. Auf Nachfrage des psychiatrischen Gutachter gibt die Zeugin allerdings zu, dass sie Letzteres nur vom Hörensagen wisse, ohne es selbst gesehen zu haben. Als weniger störend empfand die Zeugin dagegen das Trompetenspielen des Nachbarn im Garten: „Da haben wir uns im Sommer über Weihnachtslieder gefreut!“

Der Angeklagte fühlt sich selbst nicht in der Lage auszusagen und lässt über seinen Verteidiger eine Erklärung abgeben. Rechtsanwalt Norbert Köhler: „Mein Mandant ist am 21. September um 4.30 Uhr aufgestanden, um seiner kranken Frau einen Tee zu kochen. Dann hat er sich wie jeden Tag eine Pfeife angezündet und ist in den Keller gegangen, um Wände zu streichen.“ Dort habe er Geräusche gehört, und im selben Moment seien Elektro-Sicherungen geflogen. Daraufhin sei er sofort die Treppe wieder hoch, habe Flammen im Anbau gesehen. Er habe seine Frau an der Hand aus dem Haus geführt und den Notruf abgesetzt. Wie es zu dem Brand gekommen sei, könne er sich nicht erklären.

Großbrand in Ober-Roden (2012)

Großbrand: Häuser in Flammen

Quelle: op-online.de

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