70 Jahre Kriegsende

Daheim war schon Frieden

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Urberach - Reinhard Nostadt kämpfte noch in Hitlers letztem Aufgebot, als in seinem Heimatort Urberach der Zweite Weltkrieg schon längst vorbei war. Nur: Er wusste nichts davon, denn er war im Frühjahr 1945 zum Reichsarbeitsdienst in den Taunus eingezogen worden. Von Michael Löw 

Von dort wurden die jungen Männer nach Berlin gebracht und um 1 Uhr in der Nacht des 20.  April („Führers Geburtstag“, welche Ironie des Schicksals) für die Wehrmacht vereidigt. „Ich hatte keine Ahnung, dass Urberach schon befreit war“, erzählt der heute 86-Jährige. Woher auch? Ans Briefe schreiben dachte in diesen schicksalsträchtigen Wochen niemand. Und wenn seine Eltern geschrieben hätten, wäre die Post wahrscheinlich nie angekommen oder der Zensur zum Opfer gefallen. Während in der amerikanischen Besatzungszone die Waffen schwiegen, drückten Wehrmachtoffiziere dem 16-jährigen Reinhard Nostadt das Sturmgewehr 44 in die Hand. „Es war das neueste Modell“, wundert er sich auch heute noch über die Ausrüstung.

Die Division Theodor Körner hatte nur einen Auftrag: Eine Elbbrücke zu sichern, um Tausenden von Flüchtlingen aus dem Osten den Weg über den Fluss zu ermöglichen. Kurz bevor die Rote Armee die Brücke erreichte, beschloss Nostadt sein persönliches Kriegsende: „Ich habe die Beine in die Hand genommen und bin auf die andere Seite zu den Amis gerannt!“

Flugblätter der Alliierten gesammelt

Reinhard Nostadt hat einen aussichtslosen Kampf überlebt. Dass es so kommen musste, hat der Jugendliche schon lange mehr als nur geahnt. Denn seit 1941 sammelte er Flugblätter, die alliierte Flugzeuge im Wald zwischen Urberach, Offenthal und Messel abwarfen: „Nachts habe ich gesehen, wo die Bomber geflogen sind. Morgens bin ich noch vor der Schule hingerannt.“ Neugier eines 13-Jährigen? Oder der Verdacht, dass die Siegesmeldungen der Wochenschauen nicht von Dauer sein konnten, weil daheim immer mehr Soldatenfamilien trauerten? Für Reinhard Nostadt war"s jedenfalls ein gefährliches Unterfangen. Zu Beginn seiner Beutezüge war Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht, und je aussichtsloser der Krieg wurde, desto härter waren die Strafen für Wehrkraftzersetzung.

Was Reinhard Nostadt zwischen seinen Schulbüchern verbarg, hätte vielleicht manchem „anständigen Volksgenossen“ die Augen geöffnet. „Der grösste Erfolg der deutschen Luftwaffe“ steht auf einem Flugblatt, das das 1940 von den Deutschen in Schutt und Asche gelegte Rotterdam zeigte. Dem „Terror gegen kleine Länder“ stellten die Briten Luftbilder der zerstörten Krupp-Werke - dem „wichtigsten Rüstungszentren eines starken Feindes“ - gegenüber. Dem drohten sie mit der „Vernichtungsoffensive der viermotorigen Bomber“.

So begann der Zweite Weltkrieg

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Quelle: op-online.de

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