Ober-Roden oder Oberroden?

Ohne oder mit Bindestrich?

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Ober-Roden - Von Amts wegen ist die Schreibweise Ober-Rodens seit der Gebietsreform eine klare Sache - theoretisch. Trotzdem muss nicht jedes Schild mit „Ober Roden“ in die Schrottpresse. Von Michael Löw 

Ach, was haben’s Karnevalisten so gut. Sie schreiben oder rufen „Owerroure Helau“ und sind alle Sorgen um einen kleinen, schwarzen Querstrich los. Jenseits des heimischen Dialekts heißt Rödermarks größter Stadtteil aber Ober-Roden. Das Gesetz - exakt: der Paragraf 7 des „Gesetzes zur Neugliederung des Landkreises Offenbach vom 26. Juni 1974, (GVBl. I 1974, S. 316)“ - schreibt den Bindestrich vor. Dort heißt es: „Die Gemeinden Ober-Roden und Urberach aus dem Landkreis Dieburg werden zu einer Gemeinde mit dem Namen ,Rödermark’ zusammengeschlossen.“

Aber ein Pensionär, der während seines Berufslebens so ziemlich jede Straße Ober-Rodens befuhr, hat drei Schreibweisen ausfindig gemacht. Ein Doppelfehler heißt Autofahrer am Friedhof willkommen beziehungsweise verabschiedet sie nach Waldacker: Der Ankömmling erreicht „Ober Roden“, sein Konterpart verlässt „Oberroden“. Eine Bekannte aus Bad Hersfeld hat den Mann auf die Folgen der Schreib-Vielfalt aufmerksam gemacht: „Das Navi nimmt’s nicht an, wenn es falsch geschrieben ist. Dann kommt Oberrodenbach oder etwas Ähnliches.“ Das sind dann jene Autofahrer, die ihren elektronischen Helfern blind vertrauen und sich wundern, wenn sie in einem Fluss versinken.

Bürgermeister Roland Kern lässt die Fehler, die seine Vor-vor-vor- oder Vor-vorgänger zu verantworten haben, nicht gelten: „Die Schreibweise ergibt sich aus einem Beschluss der neuen Gemeindevertretung Rödermark vom 14. Juni 1977, mit welchem die Ortsteile wie folgt benannt wurden: 1. Ober-Roden...“

Bindestricht taucht erstmals 1371 auf

Theoretisch herrscht Rechtssicherheit. Doch Kern, als Oppositionsführer lange Zeit schärfster Kontrolleur der Stadtregierung, ist sogar in Magistratsprotokollen auf eine Abweichung gestoßen. Am 9. September 1980 wurden dem Besitzer des „Baugrundstücks Gemarkung Über-Roden Flur 20“ diverse Auflagen erlassen. Beim großen „Ü“ handelte es sich um ein offensichtliches oder gezieltes Schreibversehen, das Ober-Rodens Über-Legenheit gegenüber den anderen Stadtteilen betonte.

Das 786 als Kloster Rothaha erstmals erwähnte Ober-Roden hatte im Lauf seiner nunmehr 1229-jährigen Geschichte viele Namen. Der Bindestrich spielte anfangs keine Rolle. 1250 verlieh Gerhard von Eppstein „die Hälfte der Vogtei Rode“ an seinen Lehnsmann Arnold Bunre. Der Bindestrich tauchte erstmals um das Jahr 1371 auf, als Eberhard von Eppstein unter anderem „Obern-Rodauw“ an die Herren von Hanau verpfändete. 1601 war er wieder verschwunden, in den Kirchenbüchern beklagten sich die Leute aus „Oberroden“ über die, „die kommen aus Dudenhofen“.

Bürgermeister Kern zieht einen Schlussstrich unter die Diskussion um den Bindestrich und verweist auf die Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung in Darmstadt. Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe soll im August 1776 in einem bis dahin verschollenen Tagebucheintrag geschrieben haben: „Als ich so meine staubigen Füße in dem Flüßchen Rodau benetzte, kamen von allerlei Seiten freundliche Menschlein daher, brachten gegorenen Apfeltrunk in irdenem Gefäß und etwas Handkäs von weiter unten. Diese seien aus Urbigt (oder so ähnlich), jene aus Ubir-Rode (oder so ähnlich). Auch wenn beide Völkchen verschiedene Sprechweisen beliebten, erschienen sie doch von gemeinsamem Schlage.“

Dem Dichterfürsten und dem „Gesetz zur Neugliederung des Landkreises Offenbach“ zum Trotz: Die Deutsche Bahn ist ein konsequenter Bindestrich-Verweigerer. Die S 1 fährt von Wiesbaden nach „Rödermark-Ober Roden“, ihre Passagiere steigen am Bahnhof „Ober Roden“ aus. So steht"s seit Ewigkeiten an der Westwand des Empfangsgebäudes. „Die Deutsche Bahn gab es schon vor der Gebietsreform“, ist ein Sprecher stolz auf eine Vergangenheit ohne Strich.

Doch da hat die Bahn die Rechnung ohne den (Bahnhofs-)Wirt gemacht. Der Urberacher Investor Hans-Jörg Vetter, der das Empfangsgebäude zu neuem Leben erwecken will, fügt beim Verputzen den fehlenden Bindestrich ein. Nicht nur der amtlichen Schreibweise wegen, sondern weil er die leidige Diskussion von seinem Vornamen her kennt.

Quelle: op-online.de

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