Versicherer lehnt Schadenersatzansprüche ab

Folgenschwerer Sturz einer Schwerbehinderten in der U-Bahn

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Katharina Neidhardt-Gottwald im Hof an ihrem Haus in Urberach. Mit diesem Rollator war die Frau unterwegs, als sie in der U 6 in Frankfurt stürzte.

Rödermark - Katharina Neidhardt-Gottwald ist eine von Krankheit gezeichnete Frau. Unter anderem verlor sie nach einem Gefäßverschluss ihren rechten Unterschenkel. Seither ist die 69-Jährige auf einen Rollator angewiesen. Von Bernhard Pelka 

Jetzt stürzte die zu 100 Prozent schwerbehinderte Frau in der Frankfurter U-Bahn, als sie los fuhr. Der Versicherer Deutscher Nahverkehrs- und Versorgungsunternehmen HDN in Bochum lehnt jegliche Haftung ab. Katharina Neidhardt-Gottwald ist am Unglückstag auf dem Rückweg von ihrer Tochter. Die hat sie in Frankfurt besucht. Die Rentnerin betritt am 8. Dezember 2014 um 11.10 Uhr die U 6 am Ostbahnhof. Von dort will sie zur Konstabler Wache, um die S-Bahn nach Rödermark zu nehmen.

Die Urberacherin schiebt beim Einstieg in einen hinteren Wagen ihren Rollator vor sich her. Der Behindertenplatz direkt am Eingang ist besetzt. Die Frau will sich gerade neu orientieren, da fährt die Bahn los. Und die beinamputierte Frau stürzt. Sie hat keine Chance, sich festzuhalten. Schließlich schiebt sie auf der Suche nach einem anderen Sitzplatz noch immer ihre Gehilfe vor sich her. Alles geht blitzschnell. Die Fahrgäste im Abteil reagieren zu spät. Die 69-Jährige knallt mit voller Wucht ausgerechnet auf das noch gesunde linke Bein: schwere Prellung. Die will auch in den kommenden Wochen einfach nicht heilen. Bis sich herausstellt, dass der Bluterguss operativ behandelt werden muss. Das geschieht im Frankfurter Bethanien Krankenhaus. Fünf Tage muss Katharina Neidhardt-Gottwald dort verbringen. Dann wird sie entlassen und schaltet einen Anwalt ein. Die frühere Mitarbeiterin der Middle East Airlines am Flughafen will Schmerzensgeld.

Als einziger Fahrgast gestürzt

Die Stadtwerke Frankfurt leiten den Schaden und die Ansprüche weiter an ihren Versicherer HDN. Diese Haftpflichtgemeinschaft bedauert in einem Schreiben an das Unfallopfer zwar den Vorfall und die Verletzung, lehnt aber jegliche Haftung ab und weist Schadenersatzansprüche zurück. Katharina Neidhardt-Gottwald muss im Antwortbrief der HDN lesen, sie sei schließlich bei einem ganz normalen Anfahrvorgang gestürzt. Sie sei der einzige Fahrgast, der stürzte. Die U-Bahn, in der alles passierte, gehöre zur modernen Generation von Fahrzeugen mit einer Anfahrverzögerung, die schnelles oder sogar ruckartiges Anfahren technisch verhindere. Der Fahrer habe sie nicht sehen können, da sie hinten eingestiegen sei. Die Beförderungsbedingungen legten fest, dass jeder Fahrgast dazu verpflichtet sei, sich stets einen festen Halt zu verschaffen.

Der Fahrer einer U-Bahn dürfe darauf vertrauen, dass die Fahrgäste sich gut festhalten. Der Fahrer müsse laut gültiger Rechtsprechung mit dem Anfahren nicht warten, bis alle Passagiere einen Sitzplatz oder festen Halt gefunden haben. Diese Vergewisserungspflicht bestehe deshalb nicht, da der Fahrer seine Aufmerksamkeit primär dem Anfahrvorgang und den übrigen Verkehrsteilnehmern zu widmen habe.

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Den Unfall führt die HDN auf „mangelnde Vorsicht des Fahrgastes“ zurück. Die herrschende Rechtsprechung lehne in solchen Fällen eine Haftung des Verkehrsunternehmens wegen „schwerwiegenden Selbstverschuldens“ des Fahrgastes ab. Katharina Neidhardt-Gottwald versteht angesichts dieser Argumente die Welt nicht mehr. Den Glauben an Gerechtigkeit hat sie verloren. „Wie hätte ich mich denn festhalten sollen? Ich habe doch meinen Rollator vor mir her geschoben. Wenn ich ihn losgelassen hätte, wäre er durch den ganzen Zug gerollt. Aber gegen die Großen kommst du eben nicht an“, sagt die Frau resigniert.

Unsere Zeitung hätte von der HDN natürlich gerne erfahren, weshalb bei der Ablehnung von Schadenersatz und bei allen dafür aufgeführten Gründen die Schwerbehinderung der gestürzten Frau überhaupt nicht berücksichtigt wurde. Die HDN wollte aber aus Gründen des Datenschutzes und wegen rechtlicher Aspekte zu dem konkreten Fall nichts sagen. Es hieß in der Hauptverwaltung Bochum, die HDN trage dies nicht öffentlich aus.

Quelle: op-online.de

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