Bürgerversammlung zur Unterbringung von Flüchtlingen

Sammelunterkünfte bereiten Kummer

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Flüchtlinge aus dem Iran, Afghanistan, Somalia, Eritrea und Pakistan berichteten bei der Bürgerversammlung über ihre ersten Monate in Rödermark. Tenor: Sie fühlen sich gut aufgenommen und sowohl von Profis als auch von den ehrenamtlichen Helfern des Flüchtlingsnetzwerks wie Brigitte Speidel-Frey (rechts) gut betreut. Ein Eritreer, Vater von zwei Kindern, lobte: „Ich habe in Rödermark 99 Prozent freundliche Menschen kennengelernt.“ Die deutsche Sprache war das größte Problem. „Man hat das Gefühl, taub und stumm zu sein. Ich wusste nicht, was ich getan hätte, wenn meine Kinder nachts krank geworden wären“, schilderte eine 41-jährige Perserin.

Ober-Roden - Rund 200 Rödermärker kamen am Montagabend zur Bürgerversammlung in die Kulturhalle. Thema war die Unterbringung von Flüchtlingen. Die mehr als 300 Menschen, die seit 2013 eine (vorläufige) Bleibe in Rödermark gefunden haben, erfuhren viel Unterstützung. Von Michael Löw 

Nachbarn äußerten aber teils scharfe Kritik an den Gemeinschaftsunterkünften im Gewerbegebiet Ober-Roden. Durchmischen und entzerren: So beschrieben Bürgermeister Roland Kern, der städtische Flüchtlingskoordinator Stephan Brockmann und Sozialpädagogin Brigitte Putz-Weller die Grundzüge von Stadt und Kreis bei der Unterbringung von Flüchtlingen, die der Kreis Rödermark zuweist. „Diese Menschen haben alle ihre Heimat nicht freiwillig verlassen“, warb Stadtverordnetenvorsteher Sven Sulzmann um Sympathie für die inzwischen fast 320 Neuankömmlinge. Sie leben in 30 Wohnungen und Gemeinschaftsquartieren - markiert durch blaue Fähnchen auf einem Stadtplan, der während der gesamten Bürgerversammlung hinter das Podium projiziert wurde. Die Gemeinschaftsunterkünfte in Ober-Roden ziehen die Kritik der Nachbarn auf sich. 22 Anwohner aus Odenwald- und Maybachstraße hatten ihre Bedenken schon vor der Versammlung an Bürgermeister Roland Kern geschickt, mehrere von ihnen ergriffen am Montagabend das Wort. „Bislang läuft"s gut mit den Leuten. Aber wir haben Angst, dass hier ein Ghetto entsteht“, sagte Tanja Adler.

Blaue Fahnen zeigen, wo in Rödermark Flüchtlinge leben. Das funktioniert offenbar weitgehend reibungslos, lediglich drei Gemeinschaftsunterkünfte im Gewerbegebiet Odenwaldstraße (schwarzer Kreis) ziehen den Ärger der Nachbarn auf sich.

Wenn aber ein Drittel aller nach Rödermark gekommenen Flüchtlinge in einem Radius von nur 400 Metern leben, gerät Integration ihrer Ansicht nach an ihre Grenzen. Die Stadt dürfe Flüchtlinge „nicht länger im Industriegebiet zusammenpferchen“, forderte Daniel Nonnenmacher und beklagte, dass die Flüchtlinge ungleich übers Stadtgebiet verteilt seien: „In unserer Nachbarschaft haben wir zehn Mal so viele Flüchtlinge wie in anderen Stadtgebieten.“ Peter Liebeskind kritisierte die Unterkünfte als „Masseneinrichtungen“. Maria Blankschmidt, Nachbarin der früheren Polizeiwache, warf der Stadt vor, „alles schön zu reden“. Wegen des Lärms ihrer neuen Nachbarn schlafe sie grundsätzlich mit Ohrstöpseln. Sie berichtete zudem von einem Übergriff auf eine Mitarbeiterin des Kreises und dass die Polizei oft gerufen werde.

Viel - meist sachlich vorgetragene - Kritik löst viele Widerworte, Klarstellungen und Gegenargumente aus. Bürgermeister Kern räumte ein, dass ein offenbar psychisch gestörter Mann „die ganze Unterkunft tyrannisiert hat“. Die Lage habe sich erst beruhigt, als die Stadt ihm eine andere Wohnung zuwies. Die Gemeinschaftsunterkünfte in Odenwald- und Maybachstraße seien keine Zusammenballung, widersprach Kern den Nachbarn. Es gebe mehrere gute Gründe für ihre Nutzung: Sie hätten zum einen mit vergleichsweise wenig Aufwand für die Flüchtlinge umgebaut werden können und hätten der Stadt zum andern erspart, Sporthallen in Notquartiere umzuwandeln.

Auch Sozialpädagogin Putz-Weller sieht in Ober-Roden kein Ghetto heranwachsen. Ghettos entstünden nur, wo Menschen ausgegrenzt werden. Die Flüchtlinge in der Odenwaldstraße würden sich dagegen integrieren und zum Beispiel intensiv Deutsch lernen. Dass mit der Umwandlung der Polizeiwache und ihres Nachbarhauses mehrere andere Gebäude im Gewerbegebiet als Wohnungen legalisiert wurden, sei seit November 2015 Bundesgesetz, das die Stadt umgesetzt habe. Das erwiderte Kern Matthias Adler, der allgemein übers Wohnen in ehemaligen Werkstätten oder Büros geklagt hatte.

„Asylanten bekommen Wohnungen, wir jungen Leute stehen auf der Straße“, schimpfte ein 19-Jähriger, der als einziger Diskussionsteilnehmer seinen Nachnamen verschwieg. Ihm entgegnete Zuhörerin Ingrid Acker, dass man Flüchtlinge und Alteingesessene nicht gegeneinander ausspielen dürfe: Wohnungen seien generell knapp in Rödermark. Norbert Braun aus Urberach glaubt nicht, dass der Rückgang der Flüchtlingszahlen von Dauer ist: „Wenn die Balkanstaaten die Grenzen wieder aufmachen, stehen wir wieder da wie vor einem Jahr.“ Er wollte vom Bürgermeister wissen, ob in Rödermark neue Erzieherinnen oder Lehrer eingestellt wurden, um die Integration der Flüchtlingskinder zu bewältigen. Das „Nein“ des Bürgermeisters bezog sich zuständigkeitshalber nur auf die städtischen Kitas. Er versicherte jedoch, dass die Gruppenstärke trotz Personalmangel nicht erhöht worden sei.

Ursula Tüncher gab allen Kritikern von Gemeinschaftsunterkünften eine Frage mit auf den Heimweg, die zugleich eine Möglichkeit wäre, Großquartiere zu vermeiden: „Bin ich denn bereit, einen Flüchtling bei mir aufzunehmen?“

Quelle: op-online.de

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