Buchstaben aufs Papier hämmern

Urberacher Sammler ist fasziniert von Schreib- und Rechenmaschinen

Urberach - Willi Zoll hat seinen Beruf zum Hobby gemacht. Der Büromaschinen-Mechanikermeister sammelt alte Rechen- und Schreibmaschinen. Fünf oder sechs der schönsten Exemplare hat er aufwändig restauriert, der Löwenanteil - rund 80 - steht auf dem Speicher. Von Michael Löw 

Willi Zoll hütet in Urberach Schreib- und Rechenmaschinen aus der Vor-Computer-Zeit. Einige hat er schon restauriert, andere zumindest soweit gesäubert, dass er Staub einfach wegpusten kann. Sammler ähnlich exotischer Gerätschaften, die ihre Geschichte erzählen wollen, dürfen sich gern bei unserer Zeitung melden: 06106/3046, E-Mail: red.rodgau@op-online.de.  

Schreiben war in der Vor-Computer-Zeit bekanntlich noch mit Geräuschen wie Rattern, Klappern, Knirschen oder Schnurren verbunden - das Innenleben einer Schreibmaschine produzierte jenen speziellen Lärm, der ganze Büros füllte. Sekretärinnen hämmerten Buchstaben für Buchstaben aufs Papier. „Viele Schreib- und auch Rechenmaschinen haben Mädchennamen“, erzählt Willi Zoll von einer Arbeitswelt, in der die Rollenverteilung noch eine klare Sache war. Willi Zoll hat gut 80 mechanische und elektrische Bürohelfer gesammelt. Eine „AEG Mignon, Modell 2“ aus den zwanziger Jahren hat er in 30 Stunden zu einem wahren Schmuckstück aufbereitet. Ihr Gehäuse besteht aus Pappmachee mit rotgoldener Schrift. Statt einer Tastatur hat die „Mignon“ ein Buchstabenfeld, auf dem man mit einem Zeiger navigiert. Dabei wird ein Zylinder mit Buchstaben in die richtige Position gedreht, und erst dann folgt der Druck auf die Taste, die das große „A“ oder das kleine „b“ zu Papier bringt.

Klingt kompliziert, ist’s aber nicht. Willi Zoll: „Ich kannte in Offenbach einen alten Mann, der konnte mit so einer Mignon schneller schreiben als Sekretärinnen mit dem Zehn-Finger-System.“ In Offenbach sammelte er schon als 14-jähriger Schüler Schreib- und Rechenmaschinen - aber nicht zum Spaß. Willi Zoll war im Auftrag seines Vaters Horst unterwegs, der mit dem Großvater, der ebenfalls Willi hieß, ein Büromaschinengeschäft gegründet hatte. Verkauft wurde in der Herrnstraße, repariert in der Bleichstraße.

Der Junior hatte ein Dienstfahrrad, für das es eigentlich nur eine passende Bezeichnung gab: Stahlross. Über dem recht kleinen Vorderrad thronte eine gepolsterte Ladefläche, auf der der Junge die bis zu 30 Kilo schweren Maschinen durch die Stadt strampelte. „Noch vor den Hausaufgaben“, erinnert sich Willi Zoll.

Klappern und Klicken - Der Weg zur richtigen Tastatur

Die Zeiten waren manchmal hart. Doch die Freude an der Technik konnten sie ihm nicht vermiesen. Mit geradezu ansteckender Begeisterung beschreibt Willi Zoll die Details von Schreibmaschinen, deren Wagen breit genug für ein DIN A3-Plakat im Querformat ist, oder führt eine zylinderförmige Schweizer Präzisions-Rechenmaschine vor. Die sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als könne sie 183 und 64 addieren. Nein - sie gleicht eher einem manuellen Chiffrier-Gerät aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die ersten elektronischen Rechenmaschinen begegneten Willi Zoll während seiner Lehre, also zwischen 1965 und 1968. Sie hatten eine Grundfläche von 60 auf 40 Zentimetern, waren ähnlich hoch und konnten lediglich die vier Grundrechenarten. Damals sprach man respektvoll von einem „Elektronenhirn“, heute lächelt man über das Monstrum mit begrenzter Intelligenz. Willi Zoll hat an die 80 manuelle, elektrische und elektronische Bürohelfer gesammelt. Die meisten lagern als versteckte und verstaubte Schätze auf seinem Speicher, gut eine Handvoll hat er aufbereitet. In jeder steckt ein voller Tag Arbeit - wenn nichts Größeres kaputt ist.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Löw

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