„Rodgaudom“ hat Kirchturmuhr zurück

Zeitlose Zeit in Ober-Roden ist Vergangenheit

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Auch wenn die Zeiger auf 12 Uhr stehen: Um 11.18 Uhr hatte Udo Gravermann das erste Zifferblatt an Ort und Stelle - nachdem er es zurecht rücken musste. Den scharfsichtigen Beobachtern am Boden war aufgefallen, dass der 12-Uhr-Strich nicht senkrecht, sondern leicht geneigt stand.

Ober-Roden - Die Ober-Röder wissen wieder, was die Stunde geschlagen hat. Gestern bekam die St.  Nazarius-Gemeinde ihre Kirchturmuhr zurück. Die Restaurierung kostete 24.000 Euro, fast 80 Einzelspender haben das Geld aufgebracht. Von Michael Löw

Ein Kranwagen mit 72-Meter-Ausleger beförderte die Handwerker des Herforder Kirchentechnik-Spezialisten HEW zu ihrem Arbeitsplatz hoch über Ober-Roden.

Sattes Schwarz, glänzendes Gold, strahlendes Blau: So präsentiert sich seit gestern Nachmittag die generalüberholte Uhr des „Rodgaudoms“. Die vier Zifferblätter mit einem Durchmesser von 2,20 Meter wurden entrostet, ausgebessert, grundiert und nach altem Vorbild mit kräftigen Farben neu lackiert. Nach dem 8.30-Uhr-Gottesdienst segnete Pfarrer Elmar Jung das Werk. Zahlreiche Kirchgänger und alle Kinder aus der katholischen Kita samt ihren Erzieherinnen schauten sich die Einzelheiten genau an. So nahe kommen sie ihnen nämlich im Leben nicht mehr. Es sei denn, sie helfen bei der nächsten Restaurierung. Udo Gravermann, Monteur des Kirchentechnik-Spezialisten Herforder Elektromotorenwerke (HEW), war der Uhrmacher, der Zeiger und Zifferblätter in rund 35 Metern Höhe an ihren angestammten Platz zurückbrachte. In der Fassade des Kirchturms hatten monatelang Löcher geklafft.

Viermal rangierte und schraubte Gravermann mehr als ein Stunde unterm spitzen Dach des Kirchturms. Von innen unterstützten ihn ein HEW-Kollege und Freiwillige aus der St. Nazarius-Gemeinde. Sie verschraubten die Wandhaken, die die mehr als 30 Kilo schweren Zifferblätter auch in den nächsten 50 bis 60 Jahren halten sollen, und setzten die Uhrwerke ein, die die Zeiger bewegen. Die vergoldeten Zeiger bekamen die Schaulustigen erst zu Gesicht, als die Montagebühne des 72-Meter-Krans vom Kirchturm wegschwenkte: So lange waren sie in dickes Papier eingewickelt, damit die kostbare Goldschicht keinen Kratzer bekommt, in dem sich Wasser festsetzen kann und dem Rost den Weg frei macht. Die Runderneuerung war mit 24.000 Euro teurer als geplant. Immerhin: Zur Freude von Pfarrer Elmar Jung konnten die alten Zifferblätter gerettet werden, obwohl der Rost ihre Ränder arg zerfressen hatte. Das hatte niemand vorausahnen können. Neue Zifferblätter hätten die Sanierung um einiges verteuert.

So nah wie gestern kommen die Ober-Röder ihrer Kirchturmuhr nicht mehr: Pfarrer Elmar Jung hatte die restaurierten Einzelteile gesegnet, danach konnten sie Gottesdienstbesucher und andere Neugierige in Augenschein nehmen.

Knapp 80 Spender finanzierten die Reparatur: überwiegend Privatleute, Rödermärker Firmen, Volksbank, Sparkasse, kirchliche Gruppen wie die Kolpingsfamilie und das Aprés Ski-Komitee oder das Christusträger-Sozialwerk, der Betreiber des Altenheims Haus Morija. Den größten Batzen steuerte die Firma Köhl Büromöbel bei, die das nach Süden weisende Zifferblatt samt Zeigern bezahlte. Kleine und große Spender konnten bestimmen, für welches Stück Uhr ihr Geld benutzt wird. Wichtigstes Argument: Sie wollen von daheim direkt auf ihre Ziffer oder ihren Zeiger schauen. Die Namen aller Spender wurden in vier Stahlplatten graviert, die von innen gegen die Zifferblätter geschraubt wurden - es gibt sicherlich weit öffentlichkeitswirksamere Orte, um seine Großzügigkeit zu zeigen. „Die Kirche denkt halt in langen Zeiträumen“, schmunzelte Pfarrer Jung. „Wenn die Uhr in 50 oder 60 Jahren wieder überholt werden muss, erinnert man sich wieder an diese Leute.“

Bilder: „Rodgaudom“ hat Kirchturmuhr zurück

Zeit gewonnen haben die Ober-Röder Katholiken auf einer anderen Baustelle: Weil der Kranwagen sowohl gestern bei der Montage als auch Anfang Oktober bei der Demontage immer wieder Leerlauf hatte, besserten Handwerker schadhafte Stellen des Kirchendaches aus. Die befürchtete Komplettsanierung - Kosten rund eine halbe Million Euro - bleibt der St. Nazarius-Gemeinde nach Einschätzung ihres Pfarrers in den nächsten zehn Jahren erst einmal erspart. Dass Jung vor gut zehn Jahren Alarm geschlagen hatte, ist seiner Ansicht nach trotzdem eine gute Sache gewesen. Das habe zum einen die Verantwortlichen in der Diözese geweckt und der Gemeinde erste Spenden beschert.

Quelle: op-online.de

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