Stammtisch Edelweiß-Sänger

Die Erdgeschichte ergründet

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Am Stammtisch der Edelweiß-Sänger werden wahrlich tiefschürfende Themen diskutiert. Wenn Egon Bick (vorne rechts) zum Stammtisch ruft, kommen mit Benedikt Vetter, Herbert Sulzmann und Helmut Hoch drei waschechte Orwischer, aber auch Rheinländer, Holländer, Dietzenbacher und Neu-Hanauer.

Urberach - Stammtische trainieren die Deutsche Fußballnationalmannschaft besser als der Bundes-Jogi. Und haben vom Weltgeschehen mehr Ahnung als Kanzlerin Merkel, US-Präsident Obama und EU-Chef Juncker zusammen. Von Michael Löw 

Tiefschürfende Diskussionen sind schließlich ein Markenzeichen solcher Runden, nicht umsonst heißt Politik ja Stammtisch mit Vornamen.

Der Stammtisch der Urberacher Edelweiß-Sänger, der sich nach der Auflösung des Männerchores vor zwei Jahren immer dienstags zum Schoppen trifft, schürft gelegentlich noch viel tiefer. Genau gesagt: In der Erdgeschichte.

„Welche Steine wurden im Steinbruch zwischen Urberach und Messel gebrochen?“, fragten sich die Sänger nach einem Waldspaziergang. Günter Sturm, einst Chemiker von Beruf, plädierte für Basalt. Maschinenbau-Ingenieur Herbert Sulzmann schwor auf Sandstein. Als Kind sei er mit rot verschmierter Kleidung vom Steinbruch heim gekommen. Siegessicher ob solcher Erfahrungen brachte Sulzmann ein paar Proben zum Geologischen Institut nach Frankfurt und verlor seine Wette. Westlich der Bulau wurde Jahrzehnte lang Basalt mit deutlichem Rotstich abgebaut. Außer dieser Erkenntnis brachte Herbert Sulzmann aber auch eine Einladung der Wissenschaftler an den ganzen Stammtisch mit nach Urberach.

Zwölf Männer - Siegfried Nickmann ist mit 58 Jahren der jüngste, Helmut Hoch mit 82 der älteste - kommen immer dienstags ins Restaurant der Halle Urberach. „Da hätten wir Singstunde - wenn wir noch singen würden“, erklärt Hans-Dieter Günther den Termin. Im Chor waren sie Tenöre oder Bässe, im Berufsleben Unternehmer, Goldschmied, Schneider- oder Schreinermeister.

Auftritte in lockerer Runde

Seit 2013 singen sie nur noch zu besonderen Anlässen wie dem 70. Geburtstag von Ex-Edelweiß-Chef Egon Bick oder der Goldenen Hochzeit des Ehepaars Günther - Auftritte in lockerer Runde also. Im Sommer allerdings strapazieren einige der Stammtischbrüder aber die Stimmbänder noch mal nach allen Regeln der Kunst. Hugo Graf, ebenfalls ein früherer Edelweiß’ler, hat für den Sängerkreis Offenbach den „Chor 100“ auf die Beine gestellt. „Nicht wegen des Durchschnittsalters, sondern wegen der Zahl der Akteure“, versichert die Runde um Bick und Günther wie aus einem Mund.

Der „Chor 100“ tritt am 14. Juni in der Kulturhalle Ober-Roden auf. Unter anderem mit einem achtstimmigen „Ave Maria“, was kaum noch einer der geschrumpften Männerchöre der Region singen könnte.

Zunächst als Chor, später als Stammtisch haben die Edelweißen viele Ausflüge unternommen. Sie sind sogar schon für einen Tag nach Mailand geflogen, jede Strecke kostete nur einen Euro. Eine „evangelische Pilgerreise“ führte die meist katholischen Urberacher nach Wittenberg und Eisleben. Eine Rom-Tour mit Papstaudienz auf dem Petersplatz bildete das Gegengewicht.

Dem Edelweiß, dessen gemischter Chor seit geraumer Zeit „Edelvoices“ heißt, bleibt die Männerrunde auch ohne Gesang verbunden. Bei Festen wie der gemeinsamen Irish Folk-Nacht mit dem BSC packten sie mit an.

Mit Blick aufs eingangs erwähnte Nationalteam wird Herbert Sulzmann dann doch ein wenig sentimental: „Wir haben in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, aber leider keine 80 Millionen Chefdirigenten. Denn Fußball ist leichter zu verstehen als Musik!“

Quelle: op-online.de

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