Zweite Heimat ist die Kneipe

Stammtisch-Paradies bei Gaby Schnabel

Urberach - Rödermarks Stammtisch-Himmel ist nicht weit vom Turm der Gallus-Kirche weg. Vorsichtig geschätzt haben ein halbes Dutzend Freundeskreise und Vereinszirkel die „Rhönschänke“ zu ihrem Zweit-Zuhause erkoren. Von Christine Ziesecke 

Gaby Schnabels „Rhönschänke“ in der Bahnhofstraße ist nicht gerade ein stilles Örtchen. Großer Andrang, laut, voll - so war’s neulich, als drei Stammtische gleichzeitig tagten. Grund war die Hochzeit der Wirtin, die man dringend nachträglich hoch leben lassen musste. In den hintersten Raum des Raucherlokals hatten sich die „Orwischer Buwe“ verzogen. Sie gibt es seit 1981 schon. Sie sind weitgehend in der katholischen Jugend groß geworden und treffen sich seit Januar 1989 immer am letzten Freitag im Monat zum Stammtisch: „Weil’s einfach schön ist!“ Sie unternehmen Ausflüge, organisieren Bierproben, wandern und fahren viel mit dem Rad. Und noch eines: „Zum Leidwesen unserer heranwachsenden Kinder haben wir ihnen immer ein schlechtes Vorbild gegeben!“ Der Spruch von Bernhard Groß löst heftiges mitwissendes Kopfnicken und großes Gelächter aus.

Rund 20 Herren bilden die „Orwischer Buwe“, einige von ihnen sind auch beim FC Viktoria engagiert. Vor allem aber haben sie einst den „Halligalli“-Maskenball ins Leben gerufen, mit dessen Erlös sie jahrelang soziale Projekte bis hin nach Afrika unterstützt haben. „Aber 1988 wurde es zu voll, dann haben wir aufgehört und nach einer Pause die spätere Offene Arbeit gefragt“. Einige „Buwe“ spielen heute noch alljährlich beim BSC-Sommerfest Fußballtennis, und das mit gutem Erfolg. Aber ihr größtes Ziel ist Stammtisch jede Woche freitags!

Die „Orwischer Buwe“ und die Würfel-Senioren haben in der „Rhönschänke“ ein zweites Zuhause gefunden. Sie teilen es mit mindestens einem halben Dutzend weiterer Stammtische.

Am großen runden Tisch neben dem Eingang hat sich der Senioren-Stammtisch niedergelassen. Vor 40 Jahren hatten sich „beim Hitzel Rudolf“ acht bis zehn Männer, alles Orwischer, zum Spielen getroffen - damals noch ohne „Senioren“ im Namen. Ihre Altersspanne reicht inzwischen von 63 wie Heinz Gensert bis zu 81 wie Paul Kurbel. „Mehr Verschleiß als Nachwuchs“, ist der lapidare Kommentar. Einige sind ebenfalls beim FC Viktoria engagiert. Allen gemeinsam aber ist, dass sie sich jede Woche freitags etwa bis Mitternacht in der „Rhönschänke“ zum Würfeln treffen. Chicago, Mäxchen, Stammtischwürfeln: „Wir müssen ja unsere Zeit absitzen!“ Vorsichtshalber sind sie alle zu Fuß oder mit dem Fahrrad gekommen.

Alle drei bis vier Jahre steht ein Ausflug (immerhin bis nach Babenhausen) im Terminkalender: „Dann nehmen wir die Frauen mit, die müssen auch mal an die frische Luft!“ Diese Stammtischsprüche allerfeinster Art hört man zuhauf - aber voll augenzwinkerndem Humor.

Dritte im Bunde sind an diesem Abend die „Weizen-Buben“, jeden letzten Freitag im Monat treffen sie sich. Jenseits des Stammtischs findet man die längst erwachsenen Buben auf dem Sportgelände des FC Viktoria. Sie übernehmen Arbeitseinsätze, schieben Dienst für die Vereinsjugend - etwa beim Aufbau eines Spielplatzes - oder helfen beim Instandhalten des Sportplatzes.

Die besten Bier-Weltrekorde

„Und am Samstag und Sonntag sind wir alle Fanclub!“ Sie feuern die Viktoria-Kicker ganz klassisch mit Trommeln, Fanfaren und Autohupen an. Darum lautet auch Paragraph 1 der Satzung: „Mannschaft unterstützen!“ Erst unter Paragraph 2 kommt „Für frische Getränke sorgen“ direkt vor „Fan-Hemd erwerben“.

Seit Kerbmontag 2005 gibt es die „Weizen-Buben“, passend zum Getränk auf einem Bierdeckel gegründet. Zum Stammtisch sind sie zumeist gut 20, aber die Mitgliederliste, die bei ihrem „Erfinder“ Michael Hock beginnt, geht bis zur Nummer 76. Sogar zwei Frauen stehen drauf.

Die meisten packen kräftig zu, wo es nötig ist: mit Manpower und Geldspritzen wie zuletzt beim Spielplatz. „Weizenbier ist unser Nationalgetränk, daher der Name. Aber in erster Linie sind wir der Fanclub der Viktoria“, bekräftigt Michael Hock und erzählt von den jährlichen Geburtstagsfeiern des Clubs. Einmal zogen sie als lange Schlange - in der einen Hand ein Weizenbierglas, die andere auf der Schulter des Vormannes - durch Urberach. Da blieb kein Auge trocken - weder bei den Stammtischbrüdern noch bei den Zaungästen.

Quelle: op-online.de

Kommentare