Nicht repräsentativer Test für die Kommunalwahl

Tiefes Schwarz und knalliges Rot bei Stammtisch-Wahl

+
Tihomir Brecic, Wirt des „Zagreb“ in der Halle Urberach, übernahm die Rolle des Wahlhelfers und sammelte die Stimmzettel der Jahrgangs-Stammtische ein.

Rödermark - Am Stammtisch wird dem Volksmund zufolge Politik gemacht. Die geselligen Runden im Wirtshaus genießen wahrhaft Expertenruf, wenn’s ums Regieren geht. Treffen sich doch dort Leute wie Sie, liebe Leser, und ich. Von Michael Löw

Also hat unsere Zeitung den Stammtischen eine Stimme gegeben - mit geradezu sensationellen Ergebnissen. Nein - repräsentativ konnte und wollte unsere Testwahl an Rödermärker Stammtischen nicht sein. Regelmäßige Wirthausbesucher sind eher älter und großteils männlich. Da die Runden oft auch überschaubar sind, bringen schon wenige Stimmen viele Prozente. Den all umfassenden Anspruch einer Allensbach-Umfrage erhebt die Testwahl am Stammtisch schon gar nicht. Das nur vorweg für die, die uns jetzt möglicherweise Meinungsmache oder ähnliche Beeinflussung vorwerfen.

Wären die Stammtische der Urberacher Jahrgänge 1924/25, 1930/31 und 1933/34, die sich mittwochs nahezu zeitgleich im Restaurant „Zagreb“ treffen, ein Querschnitt aller Wähler, herrschten in Rödermark quasi oberbayerische Verhältnisse. Von 47 Senioren gaben 37 einen gültigen und drei einen ungültigen Stimmzettel ab, 27 wählten die CDU. Das entspricht einem leicht nach oben gerundeten gerundeten Anteil von 73 Prozent. Zum Vergleich: Das sind 32 Prozentpunkte mehr, als die Christdemokraten bei der Kommunalwahl am 27. März 2011 erzielten.

Ein Fass Freudenbier könnte auch die SPD aufmachen. 24,3 Prozent der Männer und Frauen an den Jahrgangs-Stammtischen trauen ihr zu, die Geschicke der Stadt zu lenken. Von fast einem Viertel der Wählerstimmen können die Genossen seit 2001 nur noch träumen. Die FDP dürfte die Testwahl mit einem lachenden (Platz drei in der Rangliste der Parteien) und einem weinenden (2,7 statt 5,0 Prozent) Auge betrachten. Am Stammtisch bös abgestürzt sind Andere Liste und Freie Wähler. Null Stimmen bedeuten auch null Sitze im imaginären Parlament. Dieses Ergebnis fuhren beide auch in unserem zweiten Wahllokal, der Gaststätte der TS Ober-Roden, ein.

Ticker zur Kommunalwahl in Rödermark

Aber dieses Schicksal teilten sie mit dem Urberacher Sieger. Die CDU landete dort ebenfalls eine Nullnummer. Dass die „rod Scheyer“ - auf Hochdeutsch: die rote Scheune - ihren Namen zurecht trägt, beweisen die 88,9 Prozent der SPD. Der dortige Stammtisch heißt die „Ahnungslosen“, was die Männerrunde aber keinesfalls als politische Standortbestimmung gelten lässt. Denn 11,1 Prozent machten ihr Kreuzchen bei der FDP. In einer so besetzten Zwei-Fraktionen-Stadtverordnetenversammlung herrschten stets klare Verhältnisse.

Die Stammtische haben Vorbildfunktion, denn die Wahlbeteiligung war enorm hoch. Die 85,1 Prozent der Urberacher Senioren wurden von den Ober-Röder „Ahnungslosen“ aber noch getoppt. Denn für die Turnerschaftler war die Stimmabgabe Ehrensache, 100 Prozent machten mit. In beiden Wahllokalen gab’s auch ungültige Stimmzettel. Ein „Ahnungsloser“ kreuzte alle fünf Parteien an, ein zweiter malte ein großes „X“ quer über das Blatt und begründete dies schriftlich: „Ungültig, weil die Linke nicht antritt!“

Alles zur Kommunalpolitik in Rödermark

Leere Stimmzettel waren offensichtlich in Urberach Ausdruck von Unentschlossenheit oder Unzufriedenheit. Und einer der älteren Herrschaften verweigerte die Annahme mit einem Hinweis auf Rodgau und den Worten „Meine Partei steht da ja gar nicht drauf.“. Wen der Mann meinte, blieb sein Wahlgeheimnis. In der Nachbarstadt haben außer CDU, SPD, FDP, Grünen und Freien Wählern auch Linke, Zusammen mit Bürgern und die selbst ernannte Alternative für Deutschland Kandidaten aufgestellt.

Den Verlierern unserer Probewahl sei zum Trost gesagt: Wer die Hoheit über den Stammtischen erobert, bekommt nicht automatisch auch die Mehrheit im richtigen Leben. Die Entscheidung, wer Rödermark künftig regiert, fällt in den sechs echten Wahllokalen, die am 6. März von 8 bis 18 Uhr geöffnet sind. Dann gilt's!

Die lustigsten Wahlkampf-Pannen der Politiker

Quelle: op-online.de

Kommentare