Kirchturmuhr braucht neues Blattgold

Uhrmacher hoch über Ober-Roden

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Um 12.19 Uhr schwebte gestern das erste Zifferblatt vom Kirchturm zu Boden. Glockenmonteur Alfred Weiß hatte zuvor in mühevoller Kleinarbeit das Uhrwerk teilweise zerlegt, um das Ziffernblatt transportbereit zu machen.

Ober-Roden - Die Kirchturmuhr des „Rodgaudoms“ muss zur Generalüberholung. Der mehrwöchige Besuch beim Uhrmacher kostet nicht nur mehr als 20.000 Euro, sondern bedurfte auch einer spektakulären Vorbereitung: Die vier Zifferblätter wurden mit einem 50-Meter-Steiger auf den Boden geholt. Von Michael Löw 

Welcher Uhrmacher kann schon mit einem 800 Gramm schweren Hammer auf das Zeigerwerk donnern oder dosenweise „Caramba“ auf die Schraube, die den kleinen Zeiger mit dem Zifferblatt verbindet, sprühen? Alfred Weiß kann’s und darf’s auch. Denn der Uhr des St. Nazarius-Kirchturms hat die Stunde geschlagen - sprich: Sie muss von Grund auf überholt werden -, und Weiß sorgt dafür , dass Zifferblätter, Zeiger und Teile des Uhrwerks sicher aus gut 35 Metern Höhe zu Boden kommen. Den Anfang der aufwändigen Abbauaktion hat René Reichenbach gestern Morgen kurz vor acht gemacht. Millimetergenau richtete er den 26-Tonnen-Lkw der Firma Schmidt aus Neu-Isenburg in der Heitkämperstraße aus, millimetergenau rangiert er später die Arbeitsplattform so vor die Uhr, dass Weiß die verwitterten Schrauben mit viel „Caramba“ und wenig Mühe lösen kann. „Das war hier ganz einfach, manchmal muss ich die Dinger auch wegflexen“, ist er mit seiner ersten Stunde zufrieden.

Akt zwei ist da weit schwieriger: Begleitet von Klaus Wolf, in der St. Nazarius-Gemeinde der Mann für alles Handwerkliche, und Hausmeister Rainer Hitzel schleppt er seine Werkzeugtasche über Treppen, Stiegen und Leitern ins Innere des Uhrwerks. Die lange Eisenleiter an den Glocken vorbei garantiert rasenden Puls und weiche Knie. Auch hier oben greift Weiß erst zum Rostlöser, dann zum Schraubenzieher und schließlich zum Hammer. Dann beginnt das große Ruckeln, bis er das erste von vier Zeigerwerken im Kochtopfformat aus seiner Halterung gelöst hat. „So eine Generalüberholung einer Kirchturmuhr wird höchstens alle 50 oder 60 Jahre gemacht“, erzählt Weiß, der von Haus aus Glockenmonteur ist. In Hessen sind’s dieses Jahr erst zwei oder drei gewesen; die St. Nazarius-Uhr ist die größte. Jedes der vier Zifferblätter hat einen Durchmesser von 2,20 Metern, die großen Zeiger kommen auf gut einen Meter.

Bilder: „Rodgaudom“ hat Kirchturmuhr zurück

Ab 12.19 Uhr hängen die Zifferblätter nach und nach am 50-Meter-Ausleger von René Reichenbachs Lkw. Kaum ist das erste unten, bewahrheitet sich eine der Erkenntnisse, die Alfred Weiß in seinem Berufsleben gesammelt hat: „Man muss immer einkalkulieren, das es bei solchen Montagen Probleme gibt.“ Der Rost hat den Rand des Zinkblechs im Lauf der Jahrzehnte arg zerfressen. Jetzt hoffen die St.Nazarius-Leute Hitzel, Wolf und Dr. Siegfried Kutschera, dass das Zifferblatt noch zu retten ist und nicht neu angefertigt werden muss.

Quelle: op-online.de

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